Grüner Wasserstoff vom Nahversorger

Die größte Elektrolyseanlage Europas entsteht in Tirol


Wer diesen Beitrag lesen sollte:

  • WeiterdenkerInnen
  • Umweltbewusste

Lesedauer:

3 Minuten

AutorIn: Connie Wagenhofer

Die hoch produktive Wasserstoff-Anlage auf dem Firmengelände der Bäckerei Therese Mölk wird grünen Wasserstoff für die Bäckerei und den Antrieb von LKW‘s liefern. i
MPREIS

Die regionale Lebensmittelversorgerin MPREIS setzt auf grünen Wasserstoff und baut gerade die größte Single-Stack-Elektrolyseanlage Europas.

Auf dem Firmengelände der Bäckerei Therese Mölk und der Tiroler Alpenmetzgerei in der Zentrale der Tiroler Nahversorgerkette MPREIS, in Völs bei Innsbruck steht seit dem heurigen Frühsommer eine neue Halle. Dimensioniert wie ein regionaltypisches Bauernhaus, geht darin im heurigen Oktober die größte Single-Stack-Druckelektrolyseanlage zur Erzeugung von grünem Wasserstoff in Betrieb. Das Projekt wird von der EU und den Regierungen in Österreich und der Schweiz unterstützt und hat einen Investitionsumfang von 13 Millionen Euro. 

Bereits Ende des Jahres wird dieser grüne Wasserstoff für CO2-neutrale, industrielle Prozesswärme in der Bäckerei sorgen und Schwerfahrzeuge karbonfrei antreiben. „Das Gebäude steht, 90 % der Komponenten sind da. Der Stack wird in der zweiten Septemberwoche geliefert, dann kann der Probebetrieb beginnen“, sagt Ewald Perwög, verantwortlich für nachhaltige Energielösungen bei MPREIS. Bis Dezember 2021 soll die gesamte Produktionskapazität hochgefahren sein. 

Wasserstoff-Innovation in Tirols Bergen

Vereinfacht gesagt, wird grüner Wasserstoff durch Elektrolyse erzeugt: Dabei wird Wasser mit Hilfe von Ökostrom in Sauerstoff und Wasserstoff aufgespalten. Wasserstoff ist ein Energieträger, der sich im Gegensatz zu Strom gut speichern lässt und eine hohe Energiedichte hat. 

„Grüner Wasserstoff als karbonfreier Energieträger wird eine wichtige Rolle bei der Dekarbonisierung der Gütermobilität und der Erzeugung von industrieller Prozesswärme spielen.“, sagt Perwög, „Unser Single-Stack kann 1.200 kg grünen Wasserstoff täglich produzieren und ist als Grundeinheit für die Errichtung von großen Anlagen über 50 MW ein idealer Baustein. Mit unserem Projekt beweisen wir, dass die alkalische Elektrolysetechnologie für mittelgroße, regionale Erzeugungsanlagen geeignet ist, aber auch in großen Multi-Stack-Anlagen verwendet werden kann, um die Industrie zuverlässig mit grünem Wasserstoff zu versorgen.“

Für das Projekt hat sich das Tiroler Familienunternehmen MPREIS in einem Konsortium aus regionalen und europäischen Partnern zusammengeschlossen, das mit dem EU-Projekt Demo4Grid neue technische Standards setzen will und von der EU-Agentur FCH JU (Fuel Cells And Hydrogen Joint Undertaking) gefördert wird.

In Planung: Umweltfreundlicher Schwerverkehr

MPREIS blickt schon weiter. Ihr Spin-off, die JuVe AutoMotion GmbH widmet sich der Marktentwicklung von Schwerlast-LKW‘s mit Wasserstoff-Antrieb. Dazu wurde mit Hyzon Europe eine Partnerschaft gegründet, um im Bereich der schweren Nutzfahrzeuge ein Angebot machen zu können, das die Betankung von grünem Wasserstoff, die Brennstoffzellen-Fahrzeug und den Aftersales-Bereich umfasst. 

„Wir werden Fahrzeuge erwerben, in Tirol in den Verkehr bringen und auch anderen Spediteuren anbieten“, sagt Perwög, „das ermöglicht den Kunden, ohne Mega-Investments und Know-how erste Erfahrungen mit CO2-freiem Transport zu sammeln.“ Um den Import der Fahrzeuge, die Wartung und die Vermietung bzw. den Verkauf der Fahrzeuge wird sich die neue Tochter JuVe AutoMotion kümmern“.

Man werde mit der innovativen Anlage mehr grünen Wasserstoff erzeugen, als die MPREIS-Brennstoffzellen-Fahrzeugflotte in den nächsten Jahren benötigt. Im Dezember 2021 wird die erste Wasserstoff-Tankstelle in Völs ihren Betrieb aufnehmen. „Wir werden unsere bestehende Flotte so umstellen, das Dieselfahrzeuge, die aufgrund ihres Alters ausgeschieden werden müssen, durch Fahrzeuge mit Brennstoffzellen-Antrieb ersetzt werden. Damit werden wir ca. 2026 einen Fuhrpark betreiben, der völlig ohne Dieselfahrzeuge auskommt.“, sagt Perwög.

Neues Geschäftsfeld: Wasserstoff-Nahversorgerin

„MPREIS wird im Kern immer eine überzeugte regionale Nahversorgerin sein“, sagt Perwög, „aber die Unternehmenslandschaft der Gruppe wird vielfältiger werden.“ Bereits jetzt seien weitere regionale Wasserstoff-Hubs in Planung, um die Region mit speicherbarer, regionaler und karbonfreier Energie versorgen zu können.

Möglich wurde die kostenintensive Wasserstoff-Initiative durch kurze Entscheidungswege im Betrieb. „Unserer Unternehmenskultur ist es zu verdanken, dass es so weit gekommen ist. Wir haben andere Entscheidungsstrukturen“, sagt Perwög, „die EigentümerInnen-Familie setzt auf Nachhaltigkeit, das war in unserer Firmengeschichte immer schon so.“

„Keine fantastische Spinnerei, sondern Absicherung“

Die anfängliche Skepsis ist angesichts der neuen Klimagesetzgebung gewichen. „Wir sehen unsere Wasserstoff-Initiative als Absicherung gegenüber steigenden CO2-Preisen und gegenüber dem geplanten Verbot von Verbrennungsmotoren“, sagt Perwög, „das ist keine Zukunftsvision mehr, sondern genau das, was wir jetzt tun müssen, als Zivilgesellschaft und natürlich auch als Unternehmen.“