Gymnasiast goes Lehre

Lehre oder Gymnasium? Wer wirklich will, schafft beides. 


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  • SchülerInnen
  • Lehrlinge

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5 Minuten

AutorIn: Felix Jun

Benjamin Müller i
Privat

Benjamin Müller führt ein Doppelleben: Unter der Woche drückt der Sohn eines Linzer Gestalter-Paares im Gymnasium die Schulbank. An den Wochenenden geht er in die Mechatroniker-Lehre.

Lehre oder Gymnasium? Wer wirklich will, schafft beides. So Benjamin Müller: Seine Mutter, Birgitt Müller, betreibt ein Grafik-Studio in Linz und macht parallel eine akademische Ausbildung zur Kunsttherapeutin. Vater Wolfgang Preisinger ist experimenteller Gestalter mit Universitätsdiplom und leitet die Kommunikationsagentur Die Fabrikanten. Kann sein, dass auch ihr 17-jähriger Sohn Benjamin irgendwann Hochschulluft schnuppern will, einstweilen hat er sich aber bewusst für eine Lehre entschieden.

Selbstorganisation und Kreativität fördern

Jeden zweiten Freitag fährt der groß gewachsene Bursche direkt vom Gymnasium ins Linzer WIFI, wo er sich zum Mechatroniker ausbilden lässt. Möglich macht diese Zweigleisigkeit das vierjährige CAP-Programm für die AHS-Oberstufe. Geleitet wird das Programm, das 2010 auf elterliche Privatinitiative entstand, von Gabriele Egger. Bevor sie diese Aufgabe übernahm, engagierte sich Egger als Themenmanagerin Kommunikation der Sparte Industrie der Wirtschaftskammer Oberösterreich. Jetzt ist sie stolz darauf, dass das CAP-Programm die Teilnehmer handfest auf den Arbeitsalltag vorbereitet, zugleich aber auch deren Begeisterung schürt: "Unsere Ausbildung konzentriert sich auf Mechanik, Elektrik plus Elektrotechnik und bietet auch einen Management-Teil, der zur Selbstorganisation und Kreativität beiträgt", sagt sie. 

Unsere Ausbildung konzentriert sich auf Mechanik, Elektrik plus Elektrotechnik und bietet auch einen Management-Teil, der zur Selbstorganisation und Kreativität beiträgt.

Gabriele Egger

Freiwillig lernen am Wochenende

Getragen wird das CAP-Programm von der Future Wings Privatstiftung des TGW-Gründers Ludwig Szinicz. Wirtschaftskammer, WIFI und Industriellenvereinigung gehören zu den Partnern. Aktuell steigen pro Jahr 30 Teilnehmer in den Lehrbetrieb ein. Neben Benjamin sind derzeit  93 "CAPtains" in Ausbildung – so nennen sich die Teilnehmer in Anspielung auf das Kurs-Kürzel. Gemeinsam stehen sie an den Kurswochenenden bis Samstagabend in der Werkstatt oder machen sich Notizen, wenn der Theorieteil ansteht. "Natürlich ist das ein großer Aufwand", sagt Benjamin, und klingt sehr erwachsen: "Aber der Mehrwert ist für mich so groß, dass sich Durchhalten auszahlt."

Glänzende Berufsaussichten dank Lehre-Matura-Kombination

Zum angesprochenen Aufwand gehören auch Praktika. Benjamin hat schon drei davon absolviert: Beim Anlagenbauer Primetals, dem Brillenhersteller Silhouette und in einer Flugroboterschmiede. Soeben hat sein drittes Lehrjahr begonnen. Läuft alles nach Plan, bekommt er 2022 gleich zwei Zeugnisse: Das Lehrabschlusszeugnis und die Matura. Benjamin und seine Familie sind sich sicher, dass diese Abschlüsse ihm glänzende Berufschancen verschaffen.

Ein schöner Nebeneffekt, aber nicht die Hauptsache. Denn am wichtigsten ist der Familie, dass ihr Ältester neben der Schule seine Technikleidenschaft ausleben kann. "Er tüftelt jetzt mit Gleichgesinnten, die auf seinem hohen technischen Niveau sind", sagt Mutter Birgit, und Vater Wolfgang ergänzt: "Und gut wir finden wir auch, dass die nicht nur aus der Akademikerblase, sondern aus allen möglichen Milieus stammen". 

"Alle sind freiwillig da und motiviert."

Deshalb kommen die beiden gerne für das Lehrgeld von rund 1.000 Euro pro Semester auf. Was dafür geboten wird, begeistert Benjamin jedes Wochenende neu: "Unsere Trainer machen keinen Lehrplandienst nach Vorschrift, so wie in der Schule. Die wollen wirklich ihr Know-how weitergeben", sagt der angehende Mechatroniker, der schon im Volksschulalter erste Verkaufsautomaten baute und mit dreizehn seinen ersten eigenen Gaming-PC entwarf: "Die Stimmung ist in der Lehre auch viel besser. Alle sind freiwillig da – und entsprechend motiviert."

Factbox

Lehre in Österreich

108.416 Lehrlinge waren 2020 in Ausbildung  (Quelle: Lehrlinge in Österreich 2020, Statistik WKO). Die meisten von ihnen lassen sich im Bereich Gewerbe und Handwerk ausbilden (rund 47.000). Auf Platz 2 folgt die Industrie mit rund 16.000 Auszubildenden, auf Platz 3 folgt – etwas abgeschlagen – der Bereich Banken und Versicherungen mit rund 1.300 Lehrlingen.

Lehrliebe in Oberösterreich 

Besonders beliebt ist die Berufsausbildung via Lehre übrigens in Oberösterreich. Hier entschieden sich rund 23.000 Jugendliche für diesen Weg – was auch an den vielen Berufsmöglichkeiten im Tourismusbereich liegen dürfte. 

Der Einfluss des Elternhauses auf die Schulwahl des Kindes

In Österreich kommen zwei Drittel (63 Prozent) der Studienanfänger und -anfängerinnen selbst aus einem Akademikerhaushalt (Quelle: Der Standard, 11.09.2018). Dabei geht es auch anders: Ein Studium bringt nicht automatisch die besten Berufschancen. Mit einer abgeschlossenen Lehre fällt der Berufseinstieg oft wesentlich leichter.

Mehr Zahlen, Daten, Fakten zur Lehre in Österreich bietet die WKÖ-Lehrlingsstatistik