Ab 2027 gibt es im Handel drei neue, staatlich anerkannte Abschlüsse für Fach- und Führungskräfte. Was Höhere Berufliche Bildung ist und wie aus einer Lehre Schritt für Schritt eine Führungskarriere mit formalen Abschlüssen wird, erfährst du hier.
Das Wichtigste in Kürze:
- Die HBB schafft staatlich anerkannte, höhere Bildungsabschlüsse für Menschen mit Berufspraxis.
- Im Handel starten ab Jänner 2027 drei Qualifikationen: Sales Expert in Retail, Sales Professional in Retail und Sales Manager in Retail.
- Diese sind den Niveaus 5, 6 und 7 des Nationalen Qualifikationsrahmens (NQR) zugeordnet (in der akademischen Welt entspricht 6 einem Bachelor und 7 einem Master).
- Beschäftigte bekommen dadurch neue Karrierechancen.
- Unternehmen erhalten zusätzliche Möglichkeiten, um ihre Fach- und Führungskräfte weiterzuentwickeln.
Neue Qualifikationen ab Jänner
Eine Lehre abschließen, praktische Berufserfahrung sammeln, ein Team übernehmen, später eine Filiale führen – und die erworbenen Fähigkeiten mit einem staatlich anerkannten Abschluss nachweisen:
Genau das ermöglichen neue Qualifikationen der Höheren Beruflichen Bildung (HBB).
Das Bundesgesetz über die Höhere Berufliche Bildung ist seit 1. Mai 2024 in Kraft. Österreich zog damit mit den Nachbarländern gleich: In Deutschland gibt es vergleichbare Möglichkeiten der höherqualifizierenden Berufsbildung seit 2020, in der Schweiz sogar schon seit 2004.
Mit 1. Jänner 2027 können drei aufeinander aufbauende Qualifikationen im Handel erworben werden. Damit entsteht ein durchgängiger Karriereweg vom Lehrabschluss bis zur Leitung mehrerer Standorte.
Was ist die Höhere Berufliche Bildung HBB?
Schon jetzt ist die Lehre ein Sprungbrett zu Leitungspositionen: Jede fünfte Führungskraft (20,5 Prozent) in Österreich hat einen Lehrabschluss. Mit der Höheren Beruflichen Bildung (HBB) werden neue, staatlich anerkannte berufspraktische Abschlüsse auf den NQR-Niveaus 5 bis 7 geschaffen - dazu weiter unten mehr. Die HBB knüpft dafür an berufliche Fertigkeiten und Berufspraxis an.
Die Grundidee dahinter: Im österreichischen Bildungssystem soll neben dem akademischen Weg ein berufspraktischer Karriereweg existieren. Und zwar auch in Berufen, in denen keine Meister- oder Befähigungsprüfung zur Höherqualifizierung vorgesehen ist.
Dafür gibt es drei Abschlussstufen
- Höhere Berufsqualifikation (HBQ) – orientiert an NQR 5
- Fachdiplom (FD) - orientiert an NQR 6
- Höheres Fachdiplom (HFD) - orientiert an NQR 7
Der Nationale Qualifikationsrahmen (NQR) ordnet Qualifikationen nach ihren Anforderungen ein und erleichtert somit die Vergleichbarkeit und Anerkennung. Ein Fachdiplom auf NQR 6 liegt auf demselben Qualifikationsniveau wie der Meistertitel oder ein Bachelor in der Uni-Welt, ein Höheres Fachdiplom ist mit NQR 7 auf demselben Niveau zugeordnet wie ein Master. Ein akademischer Titel wird dadurch nicht erworben.
Welche HBB-Abschlüsse gibt es bereits?
Nach der Einführung der HBB folgte 2025 die erste Qualifikation: "Technische Beratung für Energieeffizienz" für Fachkräfte im Bereich Gebäudetechnik. Die Höhere Berufliche Bildung wird nun schrittweise in vielen weiteren Bereichen der Wirtschaft Realität werden, etwa bei Berufen in Gewerbe und Handwerk oder Industrie.
Ab 2027 kann ein Karriereweg der HBB im Handel so aussehen
- Der Sales Expert in Retail auf NQR 5 richtet sich an die erste Führungsebene. Gefragt sind Kompetenzen in Organisation, Personalführung, Budget und betrieblicher Steuerung.
- Der Sales Professional in Retail ist ein Fachdiplom auf NQR 6 für Fachkräfte, die eine Filiale oder einen Standort gesamtverantwortlich führen.
- Der Sales Manager in Retail auf NQR 7 richtet sich an Führungskräfte, die mehrere Standorte oder eine Verkaufsregion leiten.
Best Practice: Vom Verkauf zur Filialleitung
Wie funktioniert dieser Karriereweg konkret in der Praxis? Wer eine HBB-Qualifikation anstrebt, muss entsprechende Berufserfahrung vorweisen.
Eine Einzelhandelskauffrau sammelt diese z.B. nach Ausbildung und Lehrabschlussprüfung und übernimmt später ein Team. Diese durch den ersten Führungsschritt bereits erworbenen und auch neu dazu gewonnene Fertigkeiten macht die HBQ Sales Expert in Retail durch das Ablegen der Prüfung formal sichtbar.
Übernimmt sie die Leitung der Filiale, wird das Fachdiplom (FD) Sales Professional in Retail interessant. Im Mittelpunkt stehen Personalentwicklung, Budgetverantwortung, Umsatz- und Kennzahlenmanagement, betriebswirtschaftliche Steuerung und die strategische Weiterentwicklung der Filiale. Das Fachdiplom liegt auf NQR 6. Anders als bei einem Studium bildet hier die berufliche Praxis die zentrale Basis.
Wer anschließend mehrere Filialen oder eine Verkaufsregion leitet, kann mit entsprechender Praxiserfahrung zum Höheren Fachdiplom (HFD) Sales Manager in Retail auf NQR 7 aufsteigen.
So entsteht ein nachvollziehbarer Karrierepfad, ohne für einen höheren Abschluss aus dem Berufsleben aussteigen zu müssen.
INFO: Fit für die HBB-Prüfung
Ab Februar 2027 bietet das WIFI optionale Vorbereitungslehrgänge für Sales Expert in Retail und Sales Professional in Retail an. Informationen zum Prüfungsverfahren, zu den Zulassungsvoraussetzungen und zu den erforderlichen Unterlagen gibt es bei der zuständigen Prüfungsstelle.
Alle HBB-Qualifikationen im Handel im Überblick
Wie profitiert der Handel von der HBB?
Rund 300.000 Menschen arbeiten im österreichischen Einzelhandel. Laut Bundessparte Handel verantwortet eine Führungskraft im Schnitt zehn Personen. Daraus ergibt sich eine Zielgruppe von rund 30.000 bestehenden oder angehenden Führungskräften.
Anders als in vielen Gewerbe- und Handwerksberufen gibt es im Handel keinen etablierten höheren Abschluss wie den Meistertitel beziehungsweise die Meisterprüfung.
Die HBB schließt somit eine Lücke: Weiterbildung und Führungskompetenz können mit einem formal sichtbaren Abschluss dokumentiert werden.
Für Unternehmen schafft das neue Chancen bei der Personalentwicklung und im Recruiting. Das ist auch mit Blick auf den Arbeitsmarkt relevant, um neue Zielgruppen für die duale Ausbildung zu gewinnen. Der Bedarf ist groß: Laut WKÖ würden 53 Prozent der österreichischen Betriebe gerne mehr Lehrlinge ausbilden, finden aber keine geeigneten Jugendlichen.
Von den bereits ausbildenden Betrieben wären 70 Prozent bereit, mehr Lehrlinge aufzunehmen.
Wie profitieren die Absolvent:innen?
Für Absolvent:innen beruflicher Ausbildungen, etwa einer Lehre oder einer BMS, eröffnet die HBB zusätzliche Möglichkeiten zur Weiterbildung. Berufserfahrung und praktische Fähigkeiten werden dadurch sichtbarer.
Die wichtigsten Vorteile:
- Neue Karrierechancen nach der Lehre,
- berufsbegleitende Weiterentwicklung,
- bessere Vergleichbarkeit von Qualifikationen,
- sichtbare Fach- und Führungskompetenz sowie
- ein zusätzlicher Weg zu höheren Qualifikationsniveaus.
Unternehmen können zugleich Fachkräfte entwickeln, Führungspositionen intern besetzen und Mitarbeiter:innen länger halten.