1 Jahr Pandemie, 10 Erkenntnisse

Von Anfang an war klar: Corona verändert viel. Zeit für eine Bilanz.


Wer diesen Beitrag lesen sollte:

  • WeiterdenkerInnen
  • WirtschaftsexpertInnen

Lesedauer:

8 Minuten

KolumnistIn: Christoph Schneider

Schönbrunn im Lockdown i
unsplash.com/@matzby

Wo unser Land nach mehr als einem Jahr Pandemie wirtschaftlich, gesellschaftlich und gesundheitspolitisch steht, hat MARI€ in 10 Punkten zusammengefasst.

1. Lockdowns drücken das BIP

Jede Corona-Eindämmungsmaßnahme setzt das Wirtschaftswachstum unter Druck. Umgekehrt bringt jede Lockerung eine Tendenz der Erholung. Das wird klar, wenn man die Kurven übereinanderlegt, die die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Vergleich zum Vorjahr und die Strenge der verhängten Anti-Coronamaßnahmen zeigen.

Mit einem Minus von 6,6 Prozent verzeichnete Österreichs im Vorjahr den achtgrößten Wirtschaftseinbruch der EU, hinter Spanien, Griechenland, Malta, Kroatien, Italien, Frankreich und Portugal. Eine WIFO-Analyse hat dafür zwei Faktoren identifiziert: die hohe Lockdown-Intensität sowie den Tourismusanteil an der Volkswirtschaft. Stimmt die EU-Winterprognose der Europäischen Kommission, wird Österreichs Wirtschaft 2021 nur um zwei Prozent wachsen - nach den Niederlanden im EU-Vergleich der niedrigste Wert. 

2. Lockdowns nutzen sich ab

Im ersten Lockdown waren die Straßen wie leergefegt. Ganz anders präsentiert sich das Bild im heurigen Winter und Frühjahr: Die Lockdowns haben sich abgenutzt und werden von der Bevölkerung nicht mehr so stark mitgetragen. Das zeigen die Mobilitätsdaten, die das Complexity Science Hub in seinen Analysen auswertet. Ging die Mobilität zu Beginn der Pandemie im Frühjahr 2020 um rund 70 Prozent zurück, waren es im zweiten Lockdown im Spätherbst 2020 nur noch etwa 45 Prozent und im dritten Lockdown Anfang 2021 nur noch 25-30 Prozent. 

3. Öffnungsschritte beleben die Konjunktur

Die Öffnungsschritte im Handel und bei persönlichen Dienstleistern im Februar 2021 haben die Konjunkturprognose verbessert. Das lässt sich am UniCredit Bank Austria Konjunkturindikator ablesen. Zwar signalisiert der Konjunkturindikator mit einem Minus von 0,5 Prozent immer noch einen leichten Rückgang der Wirtschaftsleistung. Das ist jedoch ein deutlich leichterer Rückgang als noch zu Beginn des Jahres im harten Lockdown. Auch der Konjunkturindikator der OeNB kommt zum Befund, dass jeder Öffnungsschritt die Wirtschaftsleistung anhebt.

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4. Krise kommt teuer

Fest steht: Alle volkswirtschaftlichen Indikatoren zeigen, dass uns die Krise teuer zu stehen kommt. In den Teilkomponenten des BIP drückt sich der Rückgang der Wirtschaftsleistung klar aus: Die Exporte von Waren und Dienstleistungen sind um mehr als 10 Prozent gesunken, der Konsum um knapp 10 Prozent und die Bruttoanlageinvestitionen um fast 5 Prozent. Die Arbeitnehmerentgelte sind, im Verhältnis zur Schwere der Krise, nur schwach zurückgegangen, was nicht zuletzt an den staatlichen Hilfsmaßnahmen liegt.

5. Handelsabkommen wirken positiv

Werfen wir einen Blick auf das Zugpferd Exportwirtschaft: Durch die Covid-19-Pandemie sind die österreichischen Warenexporte von 153,5 Milliarden Euro um 7,5 Prozent auf 141,93 Milliarden Euro gesunken. Besonders stark ging der Außenhandel in den Monaten des ersten Lockdowns von März bis Mai 2020 zurück. 

Positive Signale senden neue Handelsabkommen: Das Abkommen der EU mit dem Vereinigten Königreich regelt den Post-Brexit-Handel, und ein Handelsabkommen der EU mit Vietnam sowie ein Investitionsabkommen mit China erleichtern unseren Exportbetrieben den Zugang zu großen Wachstumsmärkten. Diese neuen Abkommen stärken Österreichs Stärke als exportorientiertes Land und sind wichtige Faktoren für die Überwindung der Krise. 

6. Kurzarbeit ist ein Erfolgsmodell

Das Corona-Kurzarbeitszeitmodell hat nachweislich die Massenarbeitslosigkeit abgefedert: Das Lohnsteueraufkommen ist im Jahr 2020 um nur 4,3 Prozent zurückgegangen. Das zeigt, dass die staatlich geförderte Kurzarbeit ein Erfolgsmodell der Sozialpartnerschaft ist, das Menschen vor der Arbeitslosigkeit bewahrt. Auf dem Höhepunkt der Kurzarbeit im April 2020 haben mehr als eine Millionen Menschen vom Kurzarbeitszeitmodell profitiert. Ein wichtiger Effekt ist auch: Da Löhne und Gehälter mit Hilfe der Kurzarbeit weiterbezahlt werden können, wird der Konsum gestützt. Das hilft wiederum allen. 

7. Staatliche Hilfen wirken

Neben Arbeitslosigkeitsbekämpfung und Konsumstützung wurden und werden staatliche Hilfen auch gezielt als Liquiditätsspritzen für die Unternehmen eingesetzt. Liquiditätsstärkende Maßnahmen sind jetzt besonders wichtig, damit krisenbedingte Umsatzausfälle nicht Liquiditätsengpässe und Insolvenzen hervorrufen, die ohne die Corona-Pandemie nicht entstanden wären. Die meisten Hilfsmaßnahmen der Regierung haben eine liquiditätserhöhende Wirkung. Die Kostenstruktur und Eigenkapitalausstattung von Unternehmen sind ausschlaggebend für deren Krisenfestigkeit. Die Insolvenzquote verringerte sich im vergangenen Jahr von 0,9 Prozent auf 0,5 Prozent, wie die OeNB in der März-Ausgabe von Konjunktur aktuell berichtet. Nach der OeNB-Modellrechnung wäre die Insolvenzquote ohne die Hilfsmaßnahmen im Jahr 2020 auf 4 Prozent gestiegen. Im internationalen Vergleich stehen wir mit den staatlichen Wirtschaftshilfen übrigens gut da: Österreich investiert 8,6 Prozent des BIP in Fiskalmaßnahmen, um die Wirtschaft zu stützen. Damit gehören wir zu den führenden Ländern der EU. 

8. Mehr Tests bringen mehr Sicherheit

Österreich gehört zu den Testweltmeistern: Bis dato wurden mehr als 20 Millionen Covid-19-Tests durchgeführt. Und täglich kommen laut Aufstellung des Gesundheitsministeriums mehrere hunderttausend Tests dazu. Im Verhältnis zur Bevölkerung testet Österreich im Vergleich zu den meisten anderen EU-Ländern, der Schweiz und den USA überdurchschnittlich viel.

Zusammen mit der Verschärfung der Abstandsregeln, der FFP2-Maske und durchdachten Präventionskonzepten sind die Tests Hebel für mehr Sicherheit und damit weitere Öffnungsschritte, bis die Impfungen für Herdenimmunität sorgen. Bei der Durchimpfungsrate ist jedoch noch viel Luft nach oben, wie die interaktive Grafik von Our World in Data zeigt.  

9. Sicherheitskonzepte minimieren Ansteckungen

Sieht man sich beispielhaft die Clusteranalyse der AGES für die Kalenderwoche 10 (8.-14. März) an, lässt sich feststellen, dass nur 5,5 Prozent der geklärten Fälle auf den Arbeitsplatz zurückzuführen waren, hingegen 71,4 Prozent auf den Haushalt und 13,9 Prozent auf Freizeitaktivitäten. Das ist die Wirkung von soliden Sicherheitskonzepten in Österreichs Unternehmen, die die Infektionen eindämmen und sicheres Arbeiten ermöglichen. 

10. Die Coronakrise bringt einen Digitalisierungsschub

Wie ein Katalysator hat sich die Coronakrise auf die Digitalisierung ausgewirkt. Teleworking, E-Learning, E-Services im Gesundheitswesen, elektronisches Bezahlen und digitale Kommunikation für Online-Meetings haben in allen europäischen Ländern einen massiven Schub erlebt, der die Digitalisierung dauerhaft beschleunigen wird. Ein höherer Grad an Digitalisierung kann das BIP bis zu 1,9 Prozent wachsen lassen, wie Digital Austria berichtet.