Analysen zeigen, warum die Lehre in Österreich weit mehr ist als ein Ausbildungsweg. Die betriebliche Ausbildung entlastet den Staat, sichert Unternehmen Fachkräfte und bringt Jugendliche rasch ins Berufsleben.
Das Wichtigste in Kürze
- Die duale Ausbildung kostet den Staat deutlich weniger als vollzeitschulische Modelle oder eine überbetriebliche Ausbildung.
- Lehrbetriebe investieren Milliarden in die Ausbildung von Lehrlingen – wirtschaftlich rechnet sich das oft erst, wenn diese im Betrieb bleiben.
- Die Lehre stärkt Arbeitsmarkt, Einkommen, Betriebsbindung und den unternehmerischen Nachwuchs in Österreich.
Die Lehre spart dem Staat Kosten
Der ibw-Bericht zum volkswirtschaftlichen Nutzen der Lehrlingsausbildung zeigt klar: Die duale Ausbildung ist für die öffentliche Hand die günstigste Form der beruflichen Erstqualifizierung. Pro Lehrling und Jahr kostet die Lehre rund 6.679 Euro. Bei einem vollzeitschulischen Platz in einer BMHS sind es 11.947 Euro. Bei einer überbetrieblichen Ausbildung (ÜBA) fallen 23.039 Euro Kosten für den Staat an - siehe untenstehende Tabelle für eine detaillierte Aufschlüsselung.
Was dabei auch ersichtlich wird: Lehrlinge bringen dem Staat schon während der Ausbildung Einnahmen. In der ibw-Berechnung werden pro Person und Jahr 1.616 Euro an SV-Beiträgen und Lohnsteuer gegengerechnet.
iWürden alle Lehrlinge stattdessen vollzeitschulisch ausgebildet, entstünden der Republik laut ibw jährliche Mehrkosten von 372 Mio. Euro. Bei einer ÜBA-Lösung wären es sogar 1,13 Mrd. Euro. Die Lehre ist damit nicht nur ein traditioneller Ausbildungsweg, sondern ein System, das Österreichs öffentliche Haushalte spürbar entlastet.
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Was dem Staat Kosten spart, verlangt den Betrieben viel Engagement und reale Mittel ab. Laut Unternehmensbefragung unter 437 Lehrbetrieben ergeben sich hochgerechnet rund 2,5 bis 3 Mrd. Euro an jährlichen Bruttoinvestitionen.
Viele Lehrbetriebe müssen zudem heute Aufgaben übernehmen, die weit über die eigentliche Ausbildung hinausgehen. Ein Drittel der befragten Betriebe gibt an, schon bei Lehrbeginn vor beträchtlichen Herausforderungen zu stehen. In diesen Betrieben haben rund 60 Prozent der Lehranfänger:innen zusätzlichen Qualifizierungsbedarf, weil ihnen nach der Pflichtschulzeit immer noch die nötige Ausbildungsreife fehlt.
Das öibf-Berufsbildscreening 2024 wiederum zeigt, wie sich die Ausbildungskosten über die einzelnen Lehrjahre hinweg verteilen, heruntergebrochen auf die einzelnen Kostenfaktoren.
Wann sich die Lehre für Lehrbetriebe wirtschaftlich rechnet
Für viele Unternehmen rechnet sich die Lehre also nicht sofort. Nur etwa ein Fünftel der Lehrbetriebe erreicht laut ibw-Bericht bis zum Ende der Lehrzeit jenen Punkt, an dem die produktive Leistung der Lehrlinge die Ausbildungskosten grob abdeckt.
Für rund 40 Prozent der Betriebe rentiert sich die Lehre nur dann, wenn sie die ausgebildeten Jugendlichen danach auch übernehmen können. Für weitere 50 Prozent gilt das zumindest teilweise. Genau deshalb ist die Lehre in Österreich für viele Lehrbetriebe weniger ein kurzfristiges Kosten-Nutzen-Geschäft als ein Investitionsmodell zur Fachkräftesicherung.
Dazu kommt die Förderfrage: 15 Prozent der Lehrbetriebe sagen, sie würden ohne Basisförderung nicht ausbilden. Bei weiteren 37 Prozent würde die Ausbildung zumindest infrage stehen. Gerade kleinere Betriebe sind hier besonders sensibel.
Was die Lehre dem Arbeitsmarkt in Österreich bringt
Die Wirkung der Lehrlingsausbildung endet nicht mit dem Lehrabschluss. 18 Monate nach Ausbildungsende sind 78 Prozent der Lehrabsolvent:innen erwerbstätig. Das durchschnittliche monatliche Bruttoeinkommen liegt dann bei 2.623 Euro. Zugleich zeigt der Bericht, dass Erwerbstätige mit Lehrabschluss durchschnittlich auf die längste Betriebszugehörigkeit kommen.
Die Lehre bringt Österreich also nicht nur einen schnellen Einstieg ins Berufsleben. Sie stärkt auch den Arbeitsmarkt, die Bindung an den Betrieb und die berufliche Stabilität.
Dazu kommt: Die Lehre ist ein Sprungbrett für Selbständigkeit und Führung. 30 Prozent aller Selbständigen haben einen Lehrabschluss als höchsten formalen Bildungsabschluss, bei Selbständigen mit Mitarbeiter:innen sind es sogar 34 Prozent. Rund ein Fünftel aller Führungskräfte hat ebenfalls einen Lehrabschluss. Die Lehre schafft damit nicht nur Fachkräfte, sondern auch unternehmerischen Nachwuchs.
Fazit: Was das für Unternehmen konkret heißt
Die Zahlen zeigen: Die Lehre ist für Österreich ein starker Teil der Berufsbildung und ein wichtiger Beitrag zur Fachkräftesicherung. Für Unternehmen ist sie aber kein Selbstläufer. Wer Lehrlinge ausbildet, investiert Geld, Zeit und Wissen – oft über mehrere Lehrjahre hinweg.
Gleichzeitig liegt genau darin der Nutzen der dualen Ausbildung: Lehrbetriebe gewinnen Fachkräfte aus der eigenen Praxis, schaffen Karrierechancen für Jugendliche und stärken ihren Betrieb langfristig. Die Lehre ist damit nicht nur Ausbildung, sondern auch Zukunftsinvestition für Unternehmen, Arbeitsmarkt und Standort Österreich.
