Wie man Fische in der Wüste züchtet

Ein Wiener Start-up entwickelt Fischzucht mit High Tech weiter


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3 Minuten

AutorIn: Michael Pitour

Süßwasserfisch im Wasser i
byrdyak, Envato

Das BioTech-Start-up Blue Planet Ecosystems entwickelt in Wien Fischzucht in so genannten Protein-Reaktoren – nach den Prinzipien eines Teichs, aber mit jeder Menge High-Tech.

Das Prinzip ist ebenso alt wie bewährt: Aus Sonnenlicht und CO2 entstehen Algen, diese dienen als Nahrung für Plankton, welches wiederum das Futter für Fische ist. In der Natur ist diese aquatische Nahrungskette seit Millionen von Jahren erfolgreich. Das heimische Start-up Blue Planet Ecosystem baut sie nun in einer Halle im 23. Wiener Gemeindebezirk komplett nach. Das Ziel lautet: Fische in einem dreistufigen, automatisierten Prozess als abgeschlossenes Ökosystem in der Größe von Schiff-Containern zu züchten. "Wir machen das nach, was auch in einem Teich passiert", erklärt Paul Schmitzberger, Gründer und CEO von Blue Planet Ecosystems. Der Unterschied zur Natur ist jedoch: Das hochmodulare "plug and play" Aquakultur-System des Start-ups ist vollgestopft mit High-Tech. Dafür wird das Wissen aus Biologie, Energietechnik und KI-gestützte IT-Systemen kombiniert. Die Fischzucht soll dadurch auch unter Extrembedingungen – etwa in der Wüste – funktionieren.

Steigende Nachfrage nach tierischen Proteinen 

Fisch ist bereits jetzt der wichtigste Proteinmarkt der Welt. "Wir wissen, dass sich die Nachfrage nach tierischen Proteinen in den nächsten 20 bis 30 Jahren verdoppeln wird", sagt Schmitzberger. Aber schon jetzt sind Teile der Ozeane überfischt. Und bei der herkömmlichen Fischzucht werden Fischmehl, das aus dem Beifang von kleinen Fischen aus dem Meer hergestellt wird, oder Ersatzfutter wie Soja verwendet. Für die Herstellung von 1 kg Lachs aus Aquakultur beispielsweise werden 1,5 kg Fische aus den Weltmeeren als Futtermittel benötigt. Außerdem werden dort Medikamente eingesetzt, um die Fische vor Krankheiten zu schützen.

Fischzucht von Meer entkoppeln

Die Idee von Blue Planet lautet nun: Die Produktion von Fisch oder Schrimps komplett vom Meer und von der Landwirtschaft zu entkoppeln sowie lokal und nachhaltig zu produzieren. In so genannten „Closed Loop Photo Protein Reactors“ findet der dreistufige Prozess in jeweils eigenen Units statt: Zuerst die Algenproduktion als Grundlage für das Plankton, mit dem die Fische gefüttert werden. Mittels Machine Learning, Computer Vision, Bildanalyse und IoT werden das Wachstum von Plankton oder Fischen überwacht, die Umweltbedingungen automatisiert angepasst und die Tanks permanent reguliert. Genutzt wird Solarenergie, das System ist komplett von der Außenwelt abgekoppelt, die Fische daher frei von Mikroplastik und Pestiziden. "Das Schöne an unserem System ist, dass wir das produktive Ökosystem überall aufbauen können", erklärt Schmitzberger. In einem Industriegebiet, in einer Wüste – auf jedem Fleckchen Erde lässt sich mit dem geschlossenen Ökosystem von Blue Planet leistbarer, nachhaltiger und gesunder Fisch züchten.

Für Großanleger bis zu Bio-Hotels

Begonnen hat das Start-up mit LARA, das Akronym steht für Land-based Automated Recirculating Aquaculture, als Labor-Prototypen mit lediglich 200 Liter fassenden Tanks. Damit holte sich Blue Planet im Jahr 2019 ein Millioneninvestment im Silicon Valley. Zurück in Wien ist man nun einen Schritt weiter. Das Ökosystem ist auf 4.000 Liter angewachsen, Tilapia, eine Barschart, wurden als Modellorganismus erfolgreich gezüchtet. "Wir denken bereits größer", sagt Georg Schmitzberger, CTO von Blue Planet: "In den letzten Monaten haben wir Pläne sowie verbesserte Computer-Modelle entwickelt und sind nun bereit zu bauen." Von LARA wird ein Prototyp erstellt, der bereits die Hälfte der angedachten Größe in der Endversion haben wird. „Wenn wir mit LARAs Performance zufrieden sind, können wir bereits in kleinen Stückzahlen die Produktion starten“, sagt Georg Schmitzberger. Dann sollen nicht nur die Container, sondern auch Software-as-a-Service und Biologie-as-a-Service verkauft werden. Potenzielle Kunden wären Großanleger, Landwirte, landwirtschaftliche Unternehmen aber auch Bio-Hotels, die ihren Gästen frischen, regionalen Fisch anbieten wollen. So wie das „Stuwer“.  Dieses Wiener Lokal hat Fische von Blue Planet Ecosystems bereits verarbeitet, dessen Gäste konnte das Start-up jedenfalls überzeugen.