"Nachhaltigkeitsdenken wird zentral sein"

Neue Kompetenzen sind gefragt: So verändern sich Chemie-Berufe.


Wer diesen Beitrag lesen sollte:

  • Entrepreneur:innen
  • Weiterdenker:innen

Lesedauer:

6 Minuten

AutorIn: Gloria Eder

Eine lächelnde Frau mit lockigen roten Haaren sitzt im weißen Labormantel vor einem Laptop. Auf dem Labortisch stehen Reagenzgläser und ein Kolben mit roter Flüssigkeit. i
Dragana Gordic | stock.adobe.com

Welche Fähigkeiten zählen künftig in der Chemieindustrie? Anni Siltanen, Projektleiterin von ChemSkills, über neue Berufsbilder und Weiterbildung.

Das Wichtigste in Kürze

  • Nachhaltigkeit, Digitalisierung und regulatorische Anforderungen verändern die Berufsbilder in der Chemieindustrie.
  • Beschäftigte müssen technisches und naturwissenschaftliches Wissen zunehmend mit digitalen Fähigkeiten und Nachhaltigkeitskompetenzen verbinden.
  • Gleichzeitig entstehen neue Tätigkeitsprofile. Kontinuierliche Weiterbildung wird damit immer wichtiger.
  • Das EU-Projekt ChemSkills entwickelt gemeinsam mit Bildungseinrichtungen und Unternehmen Lernmodule, die sich am Bedarf der Branche orientieren.

Welche Fähigkeiten brauchen Fachkräfte in der Chemieindustrie künftig? Und wie können sich Unternehmen auf neue Anforderungen vorbereiten? Mit diesen Fragen beschäftigt sich das europäische Projekt ChemSkills. Welche neuen Berufsprofile dabei entstehen und welche Weiterbildungen bereits verfügbar sind, zeigen wir in unserem MARI€-Artikel "Chemie-Jobs im Wandel: Welche Skills Fachkräfte morgen brauchen".

Doch was besagen die bisherigen Untersuchungen konkret? Darüber haben wir mit Anni Siltanen, Director Public Affairs beim finnischen Chemieindustrieverband Kemianteollisuus ry, gesprochen.

Im Interview erklärt sie, wie sich bestehende Berufe verändern, welche Kompetenzen wichtiger werden und welche Rolle Weiterbildung dabei spielt.

Kurz erklärt: Was steckt hinter ChemSkills?

Das EU-Projekt, bei dem die WKÖ Projektpartnerin ist, will die Aus- und Weiterbildung in der Chemieindustrie fit für neue Anforderungen machen.

Die wichtigsten Fakten:

  • Wer macht mit? 33 Partnerorganisationen aus mehreren europäischen Ländern. Aus Österreich sind die TU Wien und die WKÖ dabei.
  • Worum geht’s? Um grüne und digitale Kompetenzen in sechs Teilbereichen der chemischen Industrie.
  • Was entsteht daraus? Neue Kompetenzprofile, Schulungsunterlagen und Weiterbildungsangebote, die sich am Bedarf der Branchen orientieren.
  • Wie lange läuft das Projekt? Seit September 2023 und noch bis September 2027.

Mehr zum Projekt findest du auf chemskills.eu.

Nachhaltigkeit verändert die Anforderungen an Fachkräfte

Welche Qualifizierungslücken haben die bisherigen ChemSkills-Befragungen besonders deutlich aufgezeigt?

Siltanen: Die Analysen zeigen nicht nur bestehende Qualifizierungslücken, sondern vor allem einen starken und wachsenden Bedarf an Kompetenzen in den Bereichen Nachhaltigkeit und verantwortungsvolles Handeln. Das betrifft sämtliche untersuchten Teilbereiche der Chemieindustrie – von Kautschuk und Kunststoffen über Düngemittel und Basischemikalien bis hin zur Pharma- und Petrochemie.

Trotz der derzeit schwierigen Rahmenbedingungen halten wir an unserem Ziel fest, bei Nachhaltigkeit eine Vorreiterrolle einzunehmen. Die im Projekt entwickelten Skill Cards zeigen, dass Fachkräfte neben fundiertem naturwissenschaftlichem und ingenieurtechnischem Wissen auch ein breites Verständnis für Nachhaltigkeit und verantwortungsvolle Arbeitsweisen brauchen. Diese Anforderungen sollten bei der Gestaltung von Aus- und Weiterbildungen auf allen Ebenen in Europa berücksichtigt werden.

Eine weitere zentrale Erkenntnis ist, dass Berufsbilder zunehmend unterschiedliche Kompetenzen vereinen. Sowohl bestehende als auch neue Berufsprofile erfordern nicht nur technisches Fachwissen, sondern eine Kombination aus wissenschaftlichen Kenntnissen, regulatorischem Verständnis, Nachhaltigkeitskompetenzen und digitalen Fähigkeiten.

Das zeigt einen wachsenden Bedarf in der Branche: Die Einhaltung von Vorgaben, der Umgang mit Daten und Nachhaltigkeitsaspekte werden zu festen Bestandteilen industrieller Tätigkeiten. Diese Entwicklung betrifft nicht nur hoch spezialisierte Fachkräfte, sondern auch produktionsnahe Berufe und Tätigkeiten, die auf einer beruflichen Ausbildung aufbauen. Sie bleiben für den Betrieb und den Wandel der Chemieindustrie unverzichtbar.

Vor diesem Hintergrund werden sich bestehende Berufe voraussichtlich verändern, während neue Tätigkeitsprofile und Kompetenzanforderungen entstehen.

Anni Siltanen

Neue Berufe oder neue Aufgaben?

Entstehen durch diesen Wandel neue Jobs oder verändern sich vor allem bestehende Tätigkeiten?

Siltanen: Die europäische Chemieindustrie durchläuft derzeit einen dreifachen Wandel: die grüne und die digitale Transformation sowie den Übergang zu Chemikalien, bei deren Entwicklung Sicherheit und Nachhaltigkeit von Anfang an berücksichtigt werden. Dieser Ansatz wird als "Safe and Sustainable by Design" bezeichnet und ist Teil der EU-Chemikalienstrategie.

Gleichzeitig beschäftigen wir uns damit, wie Künstliche Intelligenz die Arbeitsweise im globalen Umfeld verändern wird. Als weltweit tätige Industrie mit globalen Wertschöpfungsketten ist die Chemiebranche stark von aktuellen Entwicklungen in China und den USA betroffen. Ihr wirtschaftliches Umfeld verändert sich stärker, als wir zu Beginn des Projekts erwartet hatten.

Vor diesem Hintergrund werden sich bestehende Berufe voraussichtlich verändern, während neue Tätigkeitsprofile und Kompetenzanforderungen entstehen.

Ein starker Fokus auf MINT-Kompetenzen – Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik – bleibt entscheidend. Sie bilden die Grundlage für die Fähigkeiten, die in der Chemieindustrie gebraucht werden. Nachhaltigkeitsdenken wird zentral sein, ebenso wie die Fähigkeit, sich während des gesamten Berufslebens weiterzuentwickeln.

Lernmodule, wie sie im Rahmen von ChemSkills entwickelt werden, gewinnen deshalb mit den sich verändernden Kompetenzanforderungen zunehmend an Bedeutung. 

So kannst du dich mit ChemSkills weiterbilden

ChemSkills bietet bereits erste kostenlose Online-Kurse an. Das solltest du wissen:

  • Elf Lernmodule stehen laut Projektwebsite mit Stand Oktober 2026 zur Verfügung.
  • Die Themen reichen von biobasierten Rohstoffen wie Cellulose und Lignin bis zu Prüfverfahren für Kautschuk.
  • Du lernst online, auf Englisch und in deinem eigenen Tempo.
  • Nach erfolgreichem Abschluss erhältst du laut Projektangaben ein digitales Badge als Lernnachweis.
  • Die Lernmodule wurden auf Grundlage von Recherchen, Befragungen und Workshops entwickelt und teilweise bereits in Unternehmen erprobt.

Alle verfügbaren Kurse findest du unter chemskills.eu/courses.

Wie nah sind die Weiterbildungen an der betrieblichen Praxis?

Wie wurden die Kursinhalte mit der betrieblichen Praxis abgestimmt? Welche Angebote eignen sich besonders für kleine und mittlere Unternehmen?

Siltanen: Die Lernplattform bietet bereits eine breite Auswahl an Kursen für unterschiedliche Industriebereiche. Viele wurden von Bildungseinrichtungen entwickelt, häufig in Zusammenarbeit mit lokalen Unternehmen. Einige wurden bereits von Unternehmen erprobt, andere sollen dort noch getestet werden.

Die ChemSkills-Lernmodule wurden auf Grundlage von Recherchen, Befragungen und Workshops aus der ersten Projektphase konzipiert, entwickelt und erprobt. Wir freuen uns jederzeit über Rückmeldungen.

Die Plattform bietet bereits 22 Kurse, weitere 51 werden derzeit erprobt. Seit Herbst werden rund 10 bis 20 zusätzliche Kurse entwickelt. Wir ermutigen alle interessierten Unternehmen, sich die Angebote anzusehen.

Die meisten Kurse eignen sich je nach Tätigkeitsbereich für eine breite Palette von Unternehmen. Sie können genutzt werden, um bestehende Kompetenzen auszubauen, sich für neue Tätigkeiten zu qualifizieren und sich beruflich weiterzuentwickeln.

Was können österreichische Betriebe konkret nutzen?

Wie können österreichische Unternehmen von ChemSkills profitieren oder sich am Projekt beteiligen? Gibt es bereits konkrete Anlaufstellen?

Siltanen: Am besten ist es, sich die Lernplattform anzusehen! Wir ermutigen österreichische Unternehmen ausdrücklich, sich die verfügbaren Schulungsmodule anzuschauen und sie für die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter:innen zu nutzen.

Die Lernmodule sind kostenlos. Nach Abschluss der Schulung erhalten die Teilnehmer:innen ein digitales Zertifikat.

Kostenlose Weiterbildung: ChemSkills-Kurse für Unternehmen

Auf der ChemSkills-Plattform findest du kostenlose Online-Kurse zu unterschiedlichen Themen der Chemieindustrie. Die Lernmodule eignen sich zur Erweiterung bestehender Kenntnisse und zur beruflichen Weiterentwicklung. 

Nach erfolgreichem Abschluss erhalten Teilnehmer:innen einen digitalen Lernnachweis.