Brexit: Außer Spesen nix gewesen

Vor fünf Jahren stimmten die Briten über den EU-Austritt ab. Eine Zwischenbilanz.


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4 Minuten

AutorIn: Florian Streb

Wegweiser in London i
Envato

Viel Mühsal und Bürokratie, aber kein volkswirtschaftlicher Schaden – so fasst der Wirtschaftsdelegierte Christian Kesberg die Auswirkungen des Brexits aus österreichischer Sicht zusammen. 

Am 23. Juni jährt sich die Abstimmung über den Brexit zum fünften Mal. Ärgerlich wie ein Gelsenstich am Hintern, aber kein Beinbruch – so könnte man die heutigen Folgen des Votums für die heimische Exportwirtschaft etwas flapsig zusammenfassen. Christian Kesberg, der Österreichische Wirtschaftsdelegierte in London, formuliert es eleganter: „Das Geschäft wird halt mühsamer und teurer, aber es läuft weiter. Und der Brexit trifft Unternehmen in allen EU-Ländern gleichermaßen.“ Auch die Konkurrenz österreichischer Exporteure müsse sich, so Kesberg, mit den neuen Hürden im Großbritannien-Geschäft herumschlagen – denn nur wenige konkurrieren direkt mit britischen Unternehmen.

Wenn man genauer hinschaut, ist der Brexit natürlich für manche in Großbritannien aktive österreichische Firmen schon unangenehmer als für andere. Vor allem Klein- und Mittelbetriebe hatten in den letzten Monaten viele Fragen an das Team des österreichischen Außenwirtschaftscenters London. „Die großen Player, und da spreche ich von etwa 70 Firmen, die für drei Viertel des Volumens verantwortlich sind, waren schon lange gut vorbereitet und haben wenige Probleme bekommen, obwohl fast der Worst Case eingetreten ist“, sagt Kesberg und spielt damit auf das „seichte“ Freihandelsabkommen an. „Schwieriger ist die Umstellung für KMUs, die lange gesagt haben: ,Darum kümmern wir uns, wenn es so weit ist‘, die aber dann mit Corona-Krisenmanagement beschäftigt waren.

Zoll und andere Plagen

Wer in der Vergangenheit bereits in den USA oder anderen Nicht-EU-Ländern aktiv war, tut sich ebenfalls vergleichsweise leicht. „Es sind ja keine unbekannten Hürden, aber solche, die es bisher mit GB nicht gegeben hat“, sagt Kesberg. Nun muss man sich zum Beispiel mit Zollformalitäten herumschlagen und kann nicht mehr so einfach Mitarbeiter in die britische Niederlassung versetzen oder zur Montage entsenden.

Für die meisten Unternehmen ist das auf lange Sicht einfach ein Ärgernis. Dass jemand das England-Geschäft komplett aufgeben muss, sieht Kesberg vor allem dann realistisch, wenn es schon bisher nur einen kleinen Anteil am Umsatz hatte: „Wir haben zum Beispiel überraschend viele Onlinehändler in Österreich, die sporadisch an britische Kunden geliefert haben. Das werden sicherlich einige aufgeben, weil es den Mehraufwand nicht wert ist.“

Vor lauter Corona kein Brexit zu sehen

Wie sich der Brexit langfristig in den Handelsbeziehungen niederschlagen wird, kann man noch nicht sagen – und wird man vielleicht auch nie sagen können. „Corona und der Brexit lassen sich unmöglich auseinanderdividieren“, erklärt Christian Kesberg. Das Exportvolumen von Österreich ins Vereinigte Königreich erreichte 2019 ein Rekordhoch; 2020 brach es erst durch die Pandemie massiv ein, um gegen Jahresende viel davon wieder aufzuholen. „Viel dieser Erholung war aber auf Lageraufbau zurückzuführen“, sagt der Wirtschaftsdelegierte. Lagerfähige Produkte wie Stahl und Papier wurden rechtzeitig vor dem Ende der Brexit-Übergangsregelung noch gebunkert. Wenig überraschend gibt es im ersten Quartal 2021 also wieder ein sattes Minus. Kesbergs vorsichtige Einschätzung: 2022 könnten die Exporte schon wieder das Niveau von 2019 erreichen.

Volkswirtschaftlich wirkt sich Großbritanniens EU-Ausstieg nur marginal aus. Auf Österreichs BIP wird er einen negativen Effekt von 0,08 bis 0,1 Prozent haben. Die Briten trifft es schon härter, aber auch ihre Wirtschaft wird daran nicht unmittelbar zugrunde gehen. „Der Brexit wird das Vereinigte Königreich etwa 4 Prozent Wirtschaftswachstum auf 10 bis 12 Jahre gesehen kosten“, zitiert Christian Kesberg Berechnungen: „Das sind 0,3 bis 0,4 Prozent pro Jahr – verglichen mit den Auswirkungen von Corona geht das derzeit unter.“

Notnagel in Nordirland

Der Super-GAU für den Finanzplatz London ist ausgeblieben, auch wenn einige Tausend Arbeitsplätze aufs Festland übersiedelt sind und sich zum Beispiel die Börse Amsterdam über zusätzliches Volumen freut. Und die Fischerei, ebenfalls ein heiß diskutiertes Thema, hat mehr sentimentale denn ökonomische Bedeutung. Ein Knackpunkt aus den Verhandlungen wird der britischen Regierung aber noch länger Kopfzerbrechen bereiten: Die Nordirland-Frage.

„Das Nordirland-Protokoll ist eine paradoxe Notlösung“, kommentiert Kesberg. Während die Briten ihre Zollgrenze im Ärmelkanal nicht kontrollieren, weil ihnen die Ressourcen dafür fehlen, müssen sie an der innerbritischen Grenze zu Nordirland, das weiterhin zum EU-Zollgebiet gehört, alle Warenflüsse aufzeichnen und der EU melden. Tun sie das nicht, fällt das gesamte Freihandelsabkommen. „Die Briten haben hier mehr zu verlieren als die EU“, meint der Wirtschaftsdelegierte, „aber das hat sie schon einmal nicht von einer schlechten Entscheidung abgehalten.“

Gewinner in Sicht?

Apropos verlieren: Das eine oder andere österreichische Unternehmen könnte am Ende sogar als Brexit-Gewinner dastehen. Das betreffe vor allem jene, die eigene Niederlassungen in Großbritannien haben, sagt Christian Kesberg: „Sie sind als britische Unternehmen im Vorteil gegenüber Exporteuren aus dem Ausland. Und ich habe vor zehn Jahren in den USA erlebt, dass österreichische Firmen in einer Umbruchphase ihre lokalen Vertriebspartner aufkaufen. Das könnte hier wieder passieren.“

Brexit-Timeline

  • 23. Juni 2016: Die Briten stimmen über den EU-Austritt ab.

  • 31. Jänner 2020: Das Vereinigte Königreich verlässt die EU.

  • 1. Februar 2020: Das Austrittsabkommen tritt in Kraft.

  • 31. Dezember 2020: Die Übergangsperiode endet, und das Vereinigte Königreich verlässt den EU-Binnenmarkt und die Zollunion.

  • 1. Jänner 2021: Das Handels- und Kooperationsabkommen zur Regelung des neuen Verhältnisses mit der EU wird vorläufig angewendet.

  • 29. April 2021: Durch die Ratifizierung im Rat der EU tritt das Abkommen in Kraft.

  • 30. Juni 2021: Einige Übergangs- und Antragsfristen enden, zum Beispiel im Aufenthalts- und Arbeitsrecht.

WKÖ Brexit Infopoint

Der WKÖ Brexit Infopoint bündelt als zentrale und unbürokratische Anlaufstelle für österreichische Betriebe alle Servicemaßnahmen rund um das Thema Brexit. Seit 2020 wurden im Schnitt 400 Unternehmensanfragen pro Monat beantwortet, 7 Webinare zum rund um das Thema Brexit wurden von 5.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmern besucht, die 11 Roadshows im Jahr 2019 erreichten insgesamt 2.000 Unternehmerinnen und Unternehmer.

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