Mehr BIP, mehr Bohnen

Wie sich Wirtschaftswachstum positiv für uns alle auswirkt.


Wer diesen Beitrag lesen sollte:

  • Wissenshungrige
  • WirtschaftseinsteigerInnen

Lesedauer:

3 Minuten

AutorIn: Petra Medek

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Christoph Schneider

Was hat Bohnenkaffee mit dem BIP zu tun? Und warum profitiert der Umweltschutz, wenn die Wirtschaft wächst? Im Interview erklärt WKÖ-Experte Christoph Schneider, was die Wachstumsprognosen von Wifo, IHS und Co bedeuten und warum sie uns alle betreffen.

Die Wirtschaftsforscher von Wifo und IHS haben ihre Wachstumserwartungen für heuer um 1,7 % bzw. 0,8 % nach oben revidiert. Was bedeutet das?"

Christoph Schneider:
Das bedeutet, wir können zuversichtlich sein, dass sich unsere Wirtschaft rasch von der Corona-Krise erholt. Dank der jüngsten Lockerungen können die Betriebe und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weitestgehend wieder arbeiten. Investitionen werden getätigt, Aufträge angenommen und erteilt, neue Geschäfte angebahnt. Österreich erwacht vom Corona-Koma: Die Menschen brauchen wieder konsumieren, sie dürfen wieder in Geschäfte und Lokale.

 

"Aber warum ist das so wichtig? Man hört ja immer wieder, dass es sehr gut auch ohne Wirtschaftswachstum ginge; dass Wirtschaft Wachstum nicht braucht."

Ja, das hört man manchmal, die Argumente der Wachstumskritiker sind aber nicht zu Ende gedacht. Fakt ist: Ohne Wachstum geht’s nachweislich nicht. Vielleicht ist das manchmal nicht gleich so ersichtlich, aber: Wirtschaftswachstum gibt’s nicht zum Selbstzweck, es ist die Grundlage für Ihre, meine, unser aller Lebensqualität. Es hat also Einfluss auf viele unserer Lebensbereiche, wenn das Wirtschaftswachstum anspringt. Und das ist wiederum Basis für gesellschaftliche Weiterentwicklung.

Gerade die Corona-Zeit hat gezeigt, was passiert ohne Wirtschaftswachstum: mehr Arbeitslosigkeit, mehr Aussichtslosigkeit, mehr Schulden, weniger Gesellschaft, mehr Angst und Sorge, mehr Unmut und Unsicherheit.

 

"Aber hohe Lebensqualität haben wir ja schon in Österreich …"

Stimmt! Und zwar maßgeblich dank steigender Wertschöpfung bzw. Wirtschaftswachstum, das wir in den letzten Jahrzehnten erreichen konnten. Es wäre total schädlich und kontraproduktiv, sich zurücklehnen zu wollen, denn dann würden wir unseren hohen Lebensstandard nicht halten können. Wir müssten einen kleineren Kuchen auf immer mehr Personen aufteilen; und damit hätte niemand eine Freude.

Wirtschaftswachstum ermöglicht es einer Gesellschaft, Prioritäten zu setzen. Nehmen wir das Ziel Ökologisierung: Wenn wir unseren Lebensstandard und unsere liebgewordenen Annehmlichkeiten beibehalten wollen, werden wir den ökologischen Wandel ohne Wirtschaftswachstum nicht schaffen. Anders gesagt: Umweltschutz braucht Wachstum. Schauen wir in einen Produktionsbetrieb: Um noch umweltschonender produzieren zu können, braucht dieser Innovationen, zum Beispiel in der Fertigung, in der Logistik etc. Diese Innovationen kann ich aber nur entwickeln, wenn genügend Ressourcen dafür da sind, sprich: Mittel zum Forschen und Investieren und Brainpower der Fachkräfte. Für beides schafft Wachstum die Möglichkeiten.

 

"Aber wie hängen BIP und Lebensqualität zusammen?"

Sehr eng! Das zeigt zum Beispiel der Human Development Index. Das ist eine Messzahl für den Entwicklungsstand eines Landes und setzt sich aus drei Komponenten zusammen: Lebenserwartung, Ausbildung und Kaufkraft. Er zeigt sehr schön, wenn das BIP-Wachstum in einem Land steigt, verbessert sich allgemein der Gesundheitszustand der Menschen dort, die Lebenserwartung erhöht sich, die Alphabetisierungsquote und das Bildungsniveau steigen, während Säuglingssterblichkeit und Unterernährung sinken, usw. Die Weltbank bezeichnet Wirtschaftswachstum übrigens als den wichtigsten Motor zur Senkung von Armut: „Growth is, above all, the surest way to free a society from poverty.“

 

"Ein höheres BIP hilft also mittel- und langfristig gegen Armut. Aber wie merke ich kurzfristig und persönlich eine Auswirkung?"

Zum Beispiel daran, wie viel Sie im Börsel haben! In den letzten Jahrzehnten ist die Kaufkraft in Österreich merklich gestiegen: Für den Erwerb langlebiger Konsumgüter musste man 1970 deutlich länger arbeiten als heute. Damals musste ein Industriearbeiter beispielsweise 15 Stunden 17 Minuten arbeiten, um ein Damenkleid zu kaufen. Zum Vergleich: Im Jahr 2010 war nur mehr ein Arbeitsaufwand von 7 Stunden und 8 Minuten dafür erforderlich. Oder: Der Arbeitsaufwand für den Kauf eines halben Kilogramms Bohnenkaffee hat sich im selben Zeitraum von 2 Stunden 5 Minuten auf nur 16,6 Minuten reduziert. Mehr BIP heißt mehr Wertschöpfung, und mit jedem Plus beim Wachstum haben die Betriebe mehr Aufträge, immer mehr Menschen haben Arbeit und verdienen immer mehr und können ihr Leben immer angenehmer gestalten. 

 

"Was braucht es, damit diese Entwicklung weitergeht?"

Für das Wachstum für morgen brauchen wir heute die richtigen Weichenstellungen, denn nur so können wir nachfolgenden Generationen einen hohen Wohlstand zu erhalten. Zentrales Ziel muss dabei sein, das Wachstum in eine Richtung zu lenken, die den Bedürfnissen der Menschen nach materiellem Konsum, sauberer Umwelt, Sicherheit, Gesundheit, Kultur und Freizeit entspricht. Zentrales Ziel muss dabei sein, die Attraktivität des Standortes Österreich und die Rahmenbedingungen für mehr und vielfältigeres Angebot – also Wirtschaftswachstum – so zu gestalten, dass es den Bedürfnissen der Menschen nach materiellem Konsum, sauberer Umwelt, Sicherheit, Gesundheit, Kultur und Freizeit weiterhin entspricht.