Deshalb boomen rot-weiß-rote FinTechs

Die Zukunft der Finanzwelt ist digital


Wer diesen Beitrag lesen sollte:

  • Digital Pioneers
  • Game ChangerInnen

Lesedauer:

5 Minuten

AutorIn: David Sievers

Eine Frau betrachtet Aktienkurse auf einem Computerdisplay i
AdobeStock

Sie sind jung, digital und hungrig: FinTechs erobern immer mehr Marktanteile von etablierten Playern der Finanzbranche. Auch aus Österreich kommen etliche Startups, die mit digitalen Technologien das Bankengeschäft revolutionieren.

Die FinTech-Branche erweist sich auch in Zeiten der Krise als äußerst widerstandsfähig. FinTechs sammelten weltweit alleine im ersten Quartal des Jahres 2021 Investments in Höhe von rund 19,3 Milliarden Euro ein - mehr als doppelt so viel wie im letzten Quartal des Jahres 2020. Die großen Player kommen nicht ausschließlich aus den USA, China, Singapur oder London. Auch Startups aus Stockholm, Vilnius, Berlin und Wien drücken dem digitalen Finanzgeschäft ihren Stempel auf.  

Finanztechnologie wird digital 

FinTechs - Startups aus der Finanztechnologie - verändern mit mobilen Apps und Plattformen eine Branche, die digitalen Technologien lange mit einer gewissen Schwerfälligkeit begegneten. Im Gegensatz zu alten Geldhäusern und Finanzkonzernen haben InsurTechs (im Versicherungsbereich), WealthTechs (in der Vermögensverwaltung) und PayTechs (bei der Zahlungsabwicklung) entscheidende Vorteile. Sie können neue, zeitgemäße Systeme von Grund auf neu entwickeln und damit den Zeitgeist einer ganzen Generation einfangen.

Jung ist dementsprechend auch das Alter der Nutzerinnen und Nutzer von Neo-Banken wie N26, einer Smartphone-Bank aus Berlin, die von zwei Wienern gegründet wurde. 36 Jahre alt sind die Durchschnittskunden in den USA, 36 % von ihnen sind in ihren Zwanzigern. N26 ist eine der erfolgreichsten Banken, die sich auf die Kontoführung via Smartphone spezialisiert hat. Für junge Menschen ist diese Art des Bankings besonders attraktiv, da zur Durchführung von Bankgeschäften schon längst keine physischen Filialen oder überhaupt die Anwesenheit von Mitarbeiterinnen- oder Mitarbeitern notwendig ist.  

Krypto-Trading leicht gemacht 

"Cut the middle man" könnte auch ein Motto des Wiener Krypto-Brokers Bitpanda sein - Österreichs ersten "Unicorn". Das junge Unternehmen hat sich zum Ziel gesetzt, Hürden beim Einstieg in Investments abbauen und traditionelle Finanzprodukte in das 21. Jahrhundert befördern. Innerhalb von wenigen Minuten können sich Nutzerinnen und Nutzer bei Bitpanda registrieren, ein Konto verknüpfen und über eine App mit Kryptowährungen von Bitcoin und Ethereum bis Polkadot und Dogecoin handeln. Mittlerweile verfügt Bitpanda auch über eine Konzession als Wertpapierhändler und erlaubt den Handel mit Aktien und ETF (Exchange Traded Funds).

"Das Bitpanda-Team ist auf seinem Weg zum europäischen Marktführer innerhalb der letzten Jahre von ursprünglich 30 Personen auf über 500 Mitarbeiter angewachsen", sagt Marcus Feistl, Bitpanda Country Manager DACH. "Mittlerweile sind wir als FinTech global bekannt, und verfolgen das langfristige Ziel, das Thema Investments wirklich jedem zugänglich zu machen, überall auf der Welt. Dafür arbeiten wir laufend an neuen, innovativen Finanzprodukten."

Neue Zielgruppen im Blick

Keine Investitionen in Kryptowährungen Aktien, sondern in Betongold stehen für Rendity im Fokus. Das Unternehmen ermöglicht es Anlegerinnen und Anlegern, in verschiedene Immobilien und Bauprojekte zu investieren. Per Web-Plattform oder App werden User so mit wenigen Klicks zu (Mit)-Eigentümern - ohne Gebühren, Behördengänge und überbordenden Papierkram.

"Viele Produkte und Dienstleistungen, die vor wenigen Jahren klassische Bankhäuser angeboten haben, werden bereits heute von spezialisierten FinTechs angeboten. Dieser Trend wird sich in der Zukunft deutlich stärker fortsetzen, und die Frage ist, welche Rolle Banken in Zukunft einnehmen werden", sagt Lukas Müller, Co-Gründer und CEO von Rendity. "Die Stimmung in Österreich ist sehr positiv - insgesamt wurde noch nie so viel Innovation in diesem Bereich gezeigt wie in den letzten Jahren und noch nie wurde so viel Kapital in investiert. Auch wir werden bald die 100 Millionen Euro Marke an vermittelten Kapital überschreiten", ist sich Lukas Müller sicher. 

Den Zugang zu Investments zu vereinfachen steht auch für das Wiener FinTech wikifolio auf der Tagesordnung. Mit einer sozialen Plattform zum Teilen von Investmentstrategien und Aktienportfolios hat es das Startup geschafft, Europas führende Online-Plattform für private und professionelle Trader zu werden. Der Grundgedanke: Warum sollten Anlegerinnen und Anleger auf die Einzelberatung einer Bank vertrauen, wenn ihnen das Wissen von führenden Tradern aus mehreren Ländern zur Verfügung steht. Dementsprechend einfach erlaubt die Plattform den Austausch und das Investment in verschiedene Depots, sogenannte Wikifolios. Ein Erfolgsmodell, welches sich im gesamten europäischen Raum durchsetzte. 

Wien: Der neue FinTech-Hub? 

Keine Frage, Wien hat es auf die europäische Landkarte der FinTech-Hotspots in Europa geschafft. Die hiesige Startup-Szene erlebt einen kräftigen und sich schon seit Jahren verstärkenden Boom. "Viele junge Unternehmen haben bereits Bewertungen weit über der Million-Euro-Grenze erzielt und immer mehr Kapital - vor allem auch aus dem Ausland - angezogen. Alleine 2021 waren das etwa 518 Millionen Euro, ein Vielfaches im Vergleich zum Vorjahr", erzählt Marcus Feistl. "Wir verfolgen diese Entwicklungen gespannt, orten aber auch Probleme. So ist es für uns enorm schwierig, Spitzenkräfte aus den USA in Österreich anzustellen. Verbesserte Rahmenbedingungen - z.B. bei der rot-weiß-rot Karte - täten der FinTech-Szene in Österreich gut." 

Einen großen Vorteil sieht Lukas Müller von rendity in der geografisch günstigen Lage des Standortes Wien. "Die geografische Nähe zu Osteuropa ist für Wien ein Vorteil, um Talente zu finden, da es dort großes Potenzial und sehr gute Developer und allgemein gute ITler gibt", erklärt der Firmenchef. "Wir wünschen uns aber eine Stärkung der Attraktivität des Standortes, um internationale Talente und Investoren anzuziehen."  

Trotz mancher Schwierigkeiten herrscht Aufbruchsstimmung in der heimischen FinTech-Szene. Bereits heute steht eine Reihe an Startups bereit, um die Finanzwelt digitaler und zugänglicher zu machen.

Diese rot-weiß-roten FinTechs verändern die Branche 

  • Helu
    Das Wiener Startup Helu entwickelt eine Finanzplanungs- und Analyse-Plattform, um die Zusammenarbeit zwischen der Steuerberatung und KMUs zu verbessern. Die innovative Lösung macht die automatische Verarbeitung von Buchungsdaten über eine DATEV-Verbindung möglich.

  • Digital Claim
    Digital Claim bringt künstliche Intelligenz (KI) und maschinelles Lernen (ML) in die Versicherungsbranche. Das junge Unternehmen entwickelt für internationale Versicherungsgruppen eine Technologie für das Schadenmanagement, mit der Papierakten in vollständig digitalisierte Schadenfälle umgewandelt werden können.

  • Durchblicker
    Durchblicker ist ein führendes Preisvergleichsportal für Versicherungen, Telekommunikation, Strom und Gas sowie Finanzprodukte wie Kredite, Girokonten und Sparkonten. Das Startup aus Wien beschäftigt mehr als 70 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

  • Finnest
    Finnest bietet KMUs eine Plattform, um über Crowdinvesting Zugang zu unbesicherten Krediten erhalten. Die Plattform arbeitet mit etablierten Unternehmen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, der Slowakei und Kroatien mit einer nachgewiesenen Erfolgsbilanz und einem Jahresumsatz von über 10 Millionen Euro zusammen.

  • Cashpresso
    Cashpresso stellt Privatkredite von bis zu 1.500 EUR zur Verfügung. Die Anträge werden vollständig online gestellt, zur Identitätsüberprüfung kommen Videogespräche zum Einsatz. Vom Antrag bis zur Auszahlung sollen nur 10 Minuten vergehen.