Die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit des klimaneutralen Umbaus unseres Energiesystems stehen außer Streit. Klimaneutralität 2040 beschleunigt im österreichischen Alleingang aber vor allem eines: die Kosten, ohne zusätzliche Klimawirkung, analysiert WKÖ-Umweltexperte Jürgen Streitner.
Das Wichtigste in Kürze:
- Steigende Energie- und Investitionskosten können Wettbewerbsfähigkeit, Innovation und Standort schwächen.
- Österreich will 2040 klimaneutral sein – zehn Jahre früher als die EU. Das erhöht den Zeit- und Investitionsdruck, aber ohne Klimawirkung.
- Was Österreich mehr einspart, können damit andere Mitgliedstaaten mehr emittieren.
- Ein gesetzliches Klimaziel 2040 hat erhebliche Folgewirkungen auf alle zukünftigen Gesetze.
- Laut EcoAustria könnte der zusätzliche Kostendruck einer beschleunigten Dekarbonisierung erheblich sein.
- Hohe Investitionen verteuern Energiepreise in der Übergangsphase.
Fragt man Fachleute in Ministerien, Parteien und Energiewirtschaft, hört man hinter vorgehaltener Hand erstaunlich oft, dass sich das Ziel der Klimaneutralität 2040 für Österreich nicht ausgehen könne. Trotzdem soll das politische Ziel rechtlich verankert werden. Genau darin liegt das Problem. Ein ohne wirtschaftliche Verwerfungen kaum erreichbares Ziel wird nicht realistischer, indem man es zum Gesetz macht. Aus dem politischen Ziel wird staatliche Selbstbindung – mit erheblichen wirtschaftlichen Folgen.
Auch die Klimajudikatur zeigt, dass aus staatlichen Schutzpflichten und programmatischen Klimazielen konkrete Handlungspflichten entwickelt werden können. Die offene Formulierung macht das Ziel daher nicht bedeutungslos. Sie eröffnet zusätzlichen Raum für gerichtliche Auslegung.
Die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit des klimaneutralen Umbaus unseres Energiesystems stehen außer Streit. Entscheidend ist aber, ob dafür ein realistischer und für Unternehmen wie für Bürgerinnen und Bürger wirtschaftlich darstellbarer Zeitrahmen gewählt wird.
Transformation in 14 statt 24 Jahren
Die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit des klimaneutralen Umbaus unseres Energiesystems stehen außer Streit. Entscheidend ist aber, ob dafür ein realistischer und für Unternehmen wie für Bürgerinnen und Bürger wirtschaftlich darstellbarer Zeitrahmen gewählt wird. Österreich plant nun Umbau von Energieversorgung, Industrie, Verkehr und Gebäuden zehn Jahre schneller zu erreichen als die Europäische Union. Aus heutiger Sicht bleiben dafür 14 statt 24 Jahre. Bei gleichem Investitionsvolumen steigt der jährliche Finanzierungsbedarf rein rechnerisch um rund 70%.
Bereits die europäischen Klimaziele verlangen enorme Investitionen. Der Erfolg droht oft vor dem ersten Spatenstich an der Realität der Genehmigungsverfahren zu scheitern. Bei der Salzburgleitung dauerte allein das Genehmigungsverfahren 6,5 Jahre. Auch bei Windparks sind mehrjährige Verfahren keine Ausnahme, bei Pumpspeicherkraftwerken sind die Zeiträume häufig noch länger. Österreich will aber zusätzlich die besonders schwer und teuer vermeidbaren Restemissionen zehn Jahre früher beseitigen. Unternehmen müssen dadurch funktionierende Anlagen vorzeitig abschreiben und ersetzen.
2040 verdichtet die Kosten der Energiewende
EcoAustria hat die Effekte eines vorgezogenen Klimaziels berechnet. Ein wesentlicher Aspekt dabei ist eine Treibhausgasbepreisung von knapp 400 Euro je Tonne, damit das Ziel erreicht wird. Der geplante Gesetzestext enthält keinen Automatismus für Steuererhöhungen. Wer das Ziel 2040 gesetzlich verankert, erzeugt jedoch den politischen und rechtlichen Druck, Maßnahmen mit einer vergleichbaren wirtschaftlichen Wirkung zu setzen. In einem solche Fall würde sich der Erdgaspreis verdoppeln –mit Folgen für den Strompreis.
Ein anderes Beispiel stellen die Kosten für die Stromnetze dar. Bei den Netzen sind im Strombereich rund 53 Milliarden Euro an Investitionen in die Stromnetze erforderlich. Auf 14 Jahre komprimiert könnten sich die Netzkosten für den Stromverbraucherverdreifachen. Eine Streckung des Umbaus würde die Kostenspitzen deutlich dämpfen.
Gute Klimapolitik senkt Emissionen und Systemkosten. Schlechte Klimapolitik erzeugt Inflation, Subventionsbedarf und Standortverluste.
Hohe Kosten, kein zusätzlicher Klimanutzen
Österreich verursacht rund 0,13% der weltweiten Treibhausgasemissionen, die gesamte EU etwa sechs Prozent. Seit März 2026 gilt für die EU ein rechtsverbindliches Klimaziel: Bis 2040 müssen die Nettoemissionen gegenüber 1990 um 90% sinken, wobei 5 Prozentpunkte davon auch durch internationalen Emissionsgutschriften erreicht werden kann. Ein österreichisches Klimaneutralitätsziel 2040 verlagert lediglich die Reduktionslast innerhalb Europas im Zuge der Lastenteilung. Das was Österreich mehr einspart, können damit andere Mitgliedstaaten mehr emittieren. Somit kommt es zu keiner zusätzlichen Klimawirkung wenn Österreich 10 Jahre früher Klimaneutral sein will.
Die geplante Ausnahme von knapp 200 österreichischen Industrieanlagen im Emissionshandel ist sinnvoll, löst das Standortproblem aber nicht. Zahlreiche produzierende und teilweise energieintensive Betriebe sind außerhalb des Emissionshandels. Aber auch die Emissionshandelsanlagen bleiben aufgrund steigender Kosten betroffen. Wandert Produktion wegen hoher Energie- und Investitionskosten ins Ausland ab, verliert Österreich Wertschöpfung und Arbeitsplätze. Werden die Produkte anschließend aus Ländern mit niedrigeren Umweltstandards importiert, sinken die globalen Emissionen nicht. Das ist Carbon Leakage.
Die Wirtschaft steht hinter der Dekarbonisierung. Das europäische Ziel der Klimaneutralität 2050 ist bereits äußerst anspruchsvoll. Gute Klimapolitik senkt Emissionen und Systemkosten. Schlechte Klimapolitik erzeugt Inflation und Standortverluste. Klimaschutz gelingt im europäischen Gleichklang, nicht durch einen kostspieligen österreichischen Alleingang.