Nach dem Referendum: Warum Island trotzdem an der EU hängt

Island ist eng in den EU-Binnenmarkt integriert – ohne politisch mitzuentscheiden.


Wer diesen Beitrag lesen sollte:

  • Wissenshungrige
  • Wirtschaftseinsteiger:innen

Lesedauer:

3 Minuten

AutorIn: Peter Draxler

Mann im Anzug steht abwehrend vor einer isländischen Flagge i
sezerozger | stock.adobe.com

Trotz seines "Nein" zu einem EU-Beitritt zeigt Island, wie weit wirtschaftliche Integration ohne EU-Mitgliedschaft reichen kann – und wo das EWR-Modell bei Handel, Regulierung und Mitbestimmung an Grenzen stößt.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Island hat sich gegen die Wiederaufnahme der EU-Beitrittsverhandlungen entschieden, ist aber über den EWR eng in den EU-Binnenmarkt integriert.
  • Außerhalb der EU-Zollunion bleiben im Warenverkehr zusätzliche Hürden.
  • Viele EU-Regeln gelten auch in Island – ohne volles Mitspracherecht.
  • Bei Fischerei, Handel oder Währung behält Island mehr Eigenständigkeit.
  • Je stärker die EU Wirtschaftspolitik bündelt, desto eher stößt das EWR-Modell an Grenzen.

Island ist wirtschaftlich eng mit der EU verflochten, politisch bleibt das Land jedoch nach dem EU-Referendum von 29. September 2026 außerhalb der Union – 52,8% der Isländer:innen haben gegen eine Wiederaufnahme der 2015 abgebrochenen Beitrittsgespräche gestimmt. Der Inselstaat ist assoziiertes Mitglied des Schengen-Raumes und der Europäische Wirtschaftsraum (EWR) sichert weitreichenden Zugang zum Binnenmarkt, lässt aber zentrale Bereiche wie Zollunion, Fischerei und Teile der Steuerpolitik außen vor. Zugleich übernimmt Island viele EU-Regeln, ohne über deren endgültige Ausgestaltung mitentscheiden zu können. Genau darin liegt die zentrale Spannung des isländischen Modells, über das wir mit Sylke Dau vom AußenwirtschaftsBüro Kopenhagen der WKÖ gesprochen haben.


Warenverkehr mit Island: Wo die EU-Zollunion fehlt

Frau Dau, die Mehrheit der Isländer:innen hat gegen eine Wiederaufnahme der EU-Beitrittsverhandlungen gestimmt. Wenn ein österreichisches KMU heute nach Island exportiert oder dort Dienstleistungen anbietet: An welchem Punkt merkt es überhaupt, dass Island kein EU-Mitglied ist?

Sylke Dau: Am deutlichsten beim Warenverkehr: Island gehört zwar zum EWR-Binnenmarkt, aber nicht zur EU-Zollunion. Exporte aus Österreich erfordern daher grundsätzlich Ausfuhr- und Einfuhranmeldungen; für Zollbegünstigungen sind außerdem die jeweiligen Ursprungsregeln zu beachten. Hinzu kommen islandbezogene Einfuhrabgaben und administrative Formalitäten, während Dienstleistungen je nach Branche vor allem an nationale Zulassungs-, Steuer- oder Meldepflichten stoßen können.

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EU-Binnenmarkt ohne EU-Mitgliedschaft: So weit reicht die Integration 

Island hat über den Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) bereits Zugang zum EU-Binnenmarkt. Wo funktioniert dieses Modell für Unternehmen so gut, dass eine EU-Mitgliedschaft wirtschaftlich kaum einen zusätzlichen Vorteil bringen würde?

Dau: Der EWR ermöglicht Island die Teilnahme am Binnenmarkt mit freiem Verkehr von Waren, Dienstleistungen, Personen und Kapital. Für viele Unternehmen, etwa in der Industrie, im IT-Bereich oder bei Ingenieurdienstleistungen, ist der Marktzugang daher bereits sehr ähnlich wie in einem EU-Mitgliedstaat. Auch bei technischen Standards, öffentlichen Ausschreibungen und Investitionen besteht eine weitgehende Integration.

EU-Regeln ohne Stimmrecht: Islands begrenzte Mitbestimmung

Gibt es Bereiche, in denen Island EU-Regeln übernimmt und Unternehmen den fehlenden formalen Einfluss auf deren Entstehung tatsächlich als Nachteil erleben? Können Sie ein konkretes Beispiel nennen?

Dau: Island übernimmt einen großen Teil der Binnenmarktregeln, verfügt aber weder im Europäischen Parlament noch im Ministerrat über Stimmrechte. Dadurch kann das Land neue Vorschriften zwar in der Vorbereitungsphase kommentieren, deren endgültige Ausgestaltung jedoch nicht mitentscheiden. Für Unternehmen kann dies etwa bei Digitalregulierung, Produktstandards oder Energievorschriften relevant sein, wenn neue Regeln übernommen werden müssen, auf deren Ausgestaltung Island keinen formalen Einfluss hatte.

Welche wirtschaftlichen Spielräume Island außerhalb der EU behält 

Welche wirtschaftlichen Vorteile oder Handlungsspielräume behält Island gerade dadurch, dass es kein EU-Mitglied ist?

Dau: Die wichtigsten Handlungsspielräume bestehen bei Fischerei, Landwirtschaft, Handels-, Währungs- und Bereichen der nationalen Steuerpolitik. Besonders die Fischerei hat für Island große wirtschaftliche Bedeutung und ist nicht Teil des EWR-Abkommens. Dadurch kann Island Fangquoten und Ressourcenmanagement selbst festlegen. Die Sorge um den Erhalt dieser Kontrolle zählt seit Jahren zu den wichtigsten Argumenten gegen einen EU-Beitritt.

Wo das EWR-Modell künftig an Grenzen stoßen könnte

Wo könnte das bestehende EWR-Modell für Islands Wirtschaft in den kommenden Jahren an seine Grenzen stoßen?

Dau: Herausfordernder könnte werden, dass die EU zunehmend Industrie-, Energie-, Digital- und Sicherheitspolitik mit Binnenmarktregeln verknüpft. Island muss viele dieser Regeln übernehmen, kann bei deren Ausgestaltung aber nicht gleichberechtigt mitentscheiden. Zudem wird diskutiert, ob künftige Initiativen in einzelnen Bereichen stärker auf EU-Mitgliedstaaten zugeschnitten werden könnten. Je stärker wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit von solchen gemeinsamen EU-Entscheidungen abhängt, desto deutlicher könnten die Grenzen des EWR-Modells werden.


Herzlichen Dank für das Gespräch!