Während die Privatwirtschaft Jobs verliert, wächst die Beschäftigung bei Staat, Pflege und Verwaltung. Warum das die Budgets belastet und Reformen dringender macht, erklärt Rolf Gleißner, Sozialpolitik-Experte der WKÖ.
"Besonders erfreulich ist der Beschäftigungszuwachs im Gesundheits- und Sozialwesen, im Bildungsbereich sowie in der öffentlichen Verwaltung", postete Wiens Bürgermeister Ludwig kürzlich auf X. Das bringt den Arbeitsmarkt auf den Punkt, aber ist es auch "erfreulich"?
Seit über drei Jahren stagniert die Wirtschaft. Bei steigender Produktivität würde man einen Rückgang der Beschäftigten erwarten, aber nein: Die Beschäftigung ist seit drei Jahren stabil. Die Gründe für diese auf den ersten Blick erfreuliche Entwicklung sind bekannt: Die durchschnittliche Arbeitszeit ist rückläufig, die Produktivität stagniert und – der Staat springt ein. Die drei von Ludwig genannten Sektoren beschäftigen heute um 60.500 Menschen mehr als vor drei Jahren. Damit wurde der Rückgang in der Privatwirtschaft, vor allem in der Industrie, nämlich 35.500, mehr als kompensiert.
Dasselbe spielt sich in Deutschland ab – Industriejobs gehen verloren, in Gesundheit, Pflege, Soziales und Verwaltung nehmen sie zu. Aber im Gegensatz zu Bürgermeister Ludwig nennt seine Parteikollegin Nahles, Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, diese Entwicklung "eine ungesunde Mischung".
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Jetzt zum Newsletter anmelden!Allerdings würden noch mehr Steuern den Teufelskreis aus weniger privat, mehr Staat noch verstärken. Denn Steuern bremsen unternehmerische Aktivität – werden die Lasten schwerer, läuft der Packesel noch langsamer oder bleibt stehen, die Wirtschaft stagniert. Nicht wirklich nachhaltig.
Das finale Argument für die Expansion der öffentlichen Bereiche, der Sozialausgaben und Abgaben ist die Alterung: Wenn die Altersgruppen 65+ von 2024 bis 2040 um 622.000 Personen (!) zunimmt, ist klar, dass der Staat Mehrleistungen für Pensionen, Pflege und Gesundheit bieten muss. "Eine alternde Gesellschaft, die weniger Menschen im Erwerbsalter hat und mehr Pensionäre versorgen muss, wird insgesamt ärmer", so der Chef des deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. "Dieser Prozess hat in Deutschland begonnen."
iDie Demografie lässt sich kurzfristig nicht ändern, aber wir können vieles unternehmen, um die Fundamente unseres Wohlstands zu stärken und die Lasten darauf reduzieren.
Das klingt fast nach Resignation. Aber letztlich kann eine moderne Volkswirtschaft nicht davon leben, dass wir alle einander verwalten und pflegen. Die Demografie lässt sich kurzfristig nicht ändern, aber wir können vieles unternehmen, um die Fundamente unseres Wohlstands zu stärken und die Lasten darauf reduzieren. Das bedeutet etwa, länger zu arbeiten, wenn wir gesund länger leben, Mehrarbeit zu fördern, nicht Wenigerarbeit (wie es z.B. die Altersteilzeit macht und die Bildungskarenz gemacht hat) und ein effizientes Gesundheitssystem.
Schaffen wir das, wird eine Entlastung der Wirtschaft etwa bei Lohnnebenkosten möglich. Der Packesel läuft schneller, die Wirtschaft wächst und davon profitiert am Ende auch Vater Staat.
Das Wichtigste in Kürze:
- Die Beschäftigung bleibt trotz Wirtschaftsstagnation stabil, weil der Staat Jobverluste in der Privatwirtschaft auffängt.
- Vor allem Gesundheit, Soziales, Bildung und Verwaltung haben in den letzten drei Jahren stark Personal aufgebaut.
- Gleichzeitig gehen vor allem in der Industrie Jobs verloren, während der öffentliche Sektor wächst.
- Das belastet die Budgets, weil öffentliche Beschäftigung über Steuern und Abgaben finanziert wird.
- Daher braucht es mehr Anreize für Arbeit, mehr Effizienz und eine Entlastung der Wirtschaft.
