"Wir brauchen CEOs des eigenen Lebens"

Warum wir alle ein bisschen mehr wie Kinder sein sollten, um unser Leben in den Griff zu bekommen.


Wer diesen Beitrag lesen sollte:

  • WeiterdenkerInnen
  • Game ChangerInnen

Lesedauer:

8 Minuten

AutorIn: Peter Draxler

Sanjay Sarma i
Michael Lawson (MIT)

Sanjay Sarma

Sanjay Sarma, Vice President for Open Learning am MIT, über die Zukunft des Lernens nach der Coronapandemie.

"Herr Sarma, From Exceptions to Routines - New Realities of How We Work & Live – so lautet das Motto der heurigen MIT Europe Conference. Was sind aus Ihrer Sicht die großen Veränderungen in der Art und Weise, wie wir in Zukunft lernen werden?"

 Sanjay Sarma:
Lassen Sie uns einen Schritt zurückgehen. Wir reden nie darüber, warum man lernt. Beim Tennisspielen ist jedem klar, dass man nicht einfach den Schläger in die Hand nimmt und den Ball spielt. Warum ist das so? Weil wir denken, oh mein Gott, die Leute können nicht Tennis spielen, wenn ihre Rückhand falsch ist oder ihr Schläger schlecht bespannt. Sie werden nicht gut sein. Die erste Frage ist, warum schenken wir dem Lernen nicht die gleiche Aufmerksamkeit? Das muss sich ändern. Lernen ist eine Fertigkeit, es gibt eine Technik, wir sollten sie lernen. Das muss sich also zuallererst ändern. Wir müssen Lernen als eine sehr grundlegende Lebenskompetenz behandeln. Der zweite Punkt ist: Unser Gesellschaftsvertrag für das Lernen ist gebrochen. Stellen Sie sich vor, ich würde Ihnen sagen, Sie müssen die ersten 16 Jahre Ihres Lebens ins Fitnessstudio gehen und dann sind Sie fit für den Rest Ihres Lebens. Sie müssen nie wieder ins Fitnessstudio gehen. Das ist unser heutiges Modell der Erziehung. Und es ist offensichtlich absurd. Sie müssen drei- oder viermal die Woche ins Fitnessstudio gehen, sonst sind Sie nicht fit.


 "Sie sprechen vom lebenslangen Lernen."

 Ich mag das Wort "lebenslang" nicht, es ist so abgedroschen. Ich nenne es lieber kontinuierliches Lernen (continuous education, Anm.). Das Problem beim "lebenslangen Lernen" ist, dass die Leute denken, man müsse nur hin und wieder einen Kurs besuchen und schon sei man auf dem Laufenden. Es erfasst nicht die Tatsache, dass Lernen wie auf einem Laufband ist, man muss immer weiterlaufen. Wenn man aufhört, fällt man herunter. Und der dritte Teil ist, dass das Lernen immersiv werden muss, einen also in eine virutelle Realität eintauchen lässt. Unser heutiges Modell besteht darin, dass wir in einem Klassenzimmer lernen - was übrigens sowieso keine gute Sache ist, weil die meisten Studierenden nur in einem Klassenzimmer sitzen und den Lehrenden zuhören. Das könnten sie alles online machen. Wir müssen das Lernen außerhalb des Klassenzimmers stattfinden lassen. Und ich denke, dass es auch im Bereich der Arbeit zu kontinuierlichem Lernen kommen wird. Tatsächlich werden Arbeit und Lernen durch Augmented Reality und Virtual Reality in hohem Maße verschmelzen. Das nenne ich immersives Lernen. Und das ist für mich der dritte große Trend.

"Sehen Sie die Covid-19-Pandemie als einen der Hauptbeschleuniger für diese Entwicklungen?"

 Es gibt keinen Zweifel, dass Covid-19 eine Menge beschleunigt hat, aber es hat auch einige schlechte Praktiken beschleunigt. Es hat also das Problem nicht wirklich gelöst. Oft wurden die Kurse einfach auf Zoom oder anderen Plattformen abgehalten. Der richtige Weg wäre aber asynchroner Online-Unterricht - voraufgezeichnete Videos, schön kuratierte Inhalte, mit denen die Studentinnen und Studenten in ihrem eigenen Tempo arbeiten können. Meiner Meinung nach verwechseln viele Leute Vorlesungen mit Videoinhalten mit tatsächlichem Fortschritt. Das ist es aber nicht. Man ist einfach nur auf Zoom umgestiegen, die ursprünglichen Probleme sind aber immer noch die gleichen. 


"Ist die Gesellschaft auf die kommenden Veränderungen vorbereitet oder gibt es in einigen Bereichen noch Nachholbedarf?"

 Nun, es wird Folgendes passieren: Nachdem wir alle geimpft sind, werden wir alle in die altbekannten Klassenzimmer zurückkehren. Einige Schulen werden sagen: „Wow, wir können wieder körperlich zusammen sein. Lasst uns alle Erfahrungen vergessen und zurück zu unseren Vorlesungen gehen, die genau wie eine Zoom-Vorlesung sind, nur ohne die Zoom-Fenster.“ Ich übertreibe jetzt ein bisschen, aber ich sage Ihnen, das wird in den meisten Fällen passieren. Und das wäre eine Tragödie, eine verpasste Chance und ein echter Bärendienst. es wird aber auch einige geben, die sich ändern und lernen und sie werden gewinnen.

"Was können Unternehmen tun, um die Rahmenbedingungen für nachhaltiges neues Lernen, für digitales Lernen zu schaffen?"

 Unternehmen müssen erkennen, dass ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, wenn sie innovativ sein wollen, dreimal pro Woche auf dem Laufband sein müssen wie beim Sport - nur eben mit dem Gehirn. Und sie müssen auch lernen, dass Bildung zu einer Leistung wird wie die Gesundheitsvorsorge. Oder die Mitgliedschaft in einem Fitnessstudio. Es wird die Art von Dingen sein, mit denen man Leute anzieht. Die Leute werden sagen: „Oh, ich möchte bei Starbucks arbeiten, weil“ - das ist tatsächlich wahr – „Starbucks hat gesagt, dass alle seine Baristas, alle Angestellten einen Bachelor-Abschluss machen können.“ So wird es zu einem Vorteil und man kann fortschrittliche Themen wie maschinelles Lernen, Augmented Reality, Virtual Reality, Biotech, Blockchain oder das Internet of Things offensiv angehen. Die Unternehmen werden sich also immer bewusst sein, dass sie die Corporate University neu denken müssen. Das ist etwas, woran ich mit Open Learning arbeite.

 

"Was sind Ihrer Meinung nach die drei wichtigsten Fähigkeiten, die man beherrschen sollte, um auf die Herausforderungen vorbereitet zu sein, die vor uns liegen?"

 Ich denke, es geht vor allem um Metafähigkeiten. Die drei wichtigsten Metafähigkeiten sind für mich Anpassungsfähigkeit, Leidenschaft und der Eigenantrieb, lernen zu wollen. Eine Art Neugierde, aber eigentlich mehr als das. Man sollte hungrig sein zu lernen. Es geht nicht darum, den Leuten irgendwelche technischen Fähigkeiten beizubringen, sondern wie man neugierig, lernhungrig, anpassungsfähig und flexibel ist. Alles andere kommt von selbst. Menschen werden neugierig geboren. Aber dann bringen wir den Menschen bei, nicht zu neugierig zu sein, sondern das zu sein, was das Bildungssystem schätzt. Wir assoziieren das moderne Erwachsensein damit, dass man sich langweilt und immer das Gleiche tut, das dafür sehr gut. Das ist es, was wir Gleichheit nennen. Alles ist das Gleiche, austauschbare Menschen, austauschbare Teile. Aber jetzt, in der Gig-Economy, müssen die Menschen die CEOs ihres eigenen Lebens werden. Sie müssen ein bisschen mehr wie Kinder sein. Sie müssen geistig flexibler sein. Sie müssen hungriger und neugieriger sein und sie müssen kontinuierlich lernen.