"Viele Unternehmen standen bisher zwischen zwei Extremen"

Erst das Problem, dann die Blockchain.


Wer diesen Beitrag lesen sollte:

  • Weiterdenker:innen
  • Game Changer:innen

Lesedauer:

6

Minuten

AutorIn: Lukas Schwaighofer-Fugger

3D-Illustration: Vernetzte Leuchtwürfel auf einer Leiterplatte. i
Maryna | stock.adobe.com

Alfred Taudes, Leiter des Forschungsinstituts für Kryptoökonomie an der WU Wien, erklärt im Interview, warum Unternehmen nicht mit der Technologie starten sollten – sondern mit der Frage, wo heute Reibungsverluste, Medienbrüche oder fehlendes Vertrauen zwischen Partner:innen entstehen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der Nutzen entsteht im Zusammenspiel mehrerer Akteur:innen: Blockchain wird vor allem dann interessant, wenn Unternehmen Daten, Nachweise oder Prozesse gemeinsam absichern und nachvollziehbar machen wollen.
  • Blockchain-Projekte brauchen realistische Erwartungen: Einfache Anwendungen wie digitale Dokumentennachweise sind deutlich schneller umsetzbar als zum Beispiel komplexe Lieferkettenprojekte.
  • Externe Unterstützung kann sinnvoll sein: Viele Betriebe müssen kein eigenes Blockchain-Team aufbauen, brauchen aber genug Verständnis, um passende Lösungen und seriöse Anbieter zu erkennen.
  • Für Österreich liegt Potenzial in Qualität, Vertrauen und internationalen Lieferketten: Gerade spezialisierte Betriebe können nachvollziehbare digitale Prozesse als Differenzierungsmerkmal nutzen.

USP einer Blockchain-Studie für Unternehmen

Warum braucht es gerade jetzt eine Studie zum praktischen Nutzen von Blockchain für Unternehmen?

Prof. Taudes: Blockchain wird häufig auf Bitcoin oder kurzfristige Spekulation reduziert. Dabei ist die eigentliche technologische Innovation etwas anderes: Blockchain ist eine Datenbanktechnologie, die es ermöglicht, Daten, Prozesse und Transaktionen manipulationssicher, transparent und zwischen mehreren Parteien nachvollziehbar zu speichern – ohne dass eine zentrale Stelle alles kontrollieren muss.

Blockchain-Technologie wird in den Medien zwar immer präsenter und viele Unternehmen haben von Blockchain gehört. Allerdings beobachten wir, dass die Diskussionen zu Blockchain meist von Blockchain-Experten ausgehen und entweder auf technische Themen oder auf Finanzanwendungen fokussieren. Auf Anwendungen außerhalb des Finanzbereichs wird wenig eingegangen.

Hier will die Studie ansetzen, denn für Unternehmen ist es entscheidend, welche konkreten und unternehmensrelevanten Probleme sich mit der Technologie lösen lassen. Welche Prozesse werden sicherer, schneller oder günstiger? Genau hier wollten wir Orientierung schaffen.

Welche Wissenslücke wollten WKÖ und ABC Research mit der Studie schließen?

Prof. Taudes: Viele Unternehmen standen bisher zwischen zwei Extremen: Auf der einen Seite große Zukunftsversprechen rund um Blockchain, auf der anderen Seite Unsicherheit darüber, ob die Technologie überhaupt relevant für das eigene Unternehmen ist.

Die Studie will deshalb eine sehr praktische Wissenslücke schließen: Nicht "Was ist Blockchain?", sondern "Wann lohnt sich Blockchain für mein Unternehmen?". Wir wollten nachvollziehbar zeigen, welche Einsatzfelder bereits heute wirtschaftlich sinnvoll sind, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen und welche Fehler Unternehmen vermeiden sollten.

Besonders wichtig war uns dabei der Fokus auf österreichische Unternehmen und KMU.

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WKÖ/DMC

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Wann bringt Blockchain Unternehmen echten Nutzen?

Wann schafft Blockchain für Unternehmen echten Mehrwert und wann reicht eine "klassische" IT-Lösung völlig aus?

Prof. Taudes: Blockchain bringt vor allem dann Mehrwert, wenn mehrere unabhängige Akteure gemeinsam auf Daten oder Prozesse zugreifen und Vertrauen eine zentrale Rolle spielt. Typische Beispiele sind Lieferketten, Herkunftsnachweise oder die automatisierte Vertragsabwicklungen zwischen mehreren Unternehmen.

Wenn hingegen ein Unternehmen alleine Daten verwaltet und keine besonderen Anforderungen an externe Nachvollziehbarkeit oder Manipulationssicherheit bestehen, dann ist eine klassische Datenbank oft einfacher, günstiger und effizienter. Blockchain ist also kein Ersatz für jede IT-Lösung, sondern ein Spezialwerkzeug für bestimmte Probleme.

Gibt es eine einfache Faustregel, mit der Unternehmer:innen prüfen können, ob Blockchain für ihr Problem überhaupt relevant ist?

Prof. Taudes: Vorab ist es wichtig zu unterstreichen, dass Technologie nie Selbstzweck sein darf, sondern man immer von einem konkreten Geschäftsproblem ausgehen sollte.

Konkret für Blockchain-Technologie lautet eine einfache Faustregel: Wenn mehrere Parteien zusammenarbeiten, ein gemeinsamer Datenstand wichtig ist und sich die beteiligten Unternehmen bzw. Teilnehmer nicht vertrauen wollen oder können, dann sollte man Blockchain zumindest prüfen.

Wenn dagegen nur ein Unternehmen beteiligt ist bzw. ein unternehmensinterner Prozess abgebildet werden soll, dann ist Blockchain meist unnötig.

Illustration einer digitalen Kette aus vernetzten Linien und Punkteni
sashkin | stock.adobe.com

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Wo Blockchain in der Praxis helfen kann

Die Studie nennt mehrere Einsatzfelder – etwa sichere Daten, Lieferketten, Produktfälschungen, Nachhaltigkeitsnachweise, Kundenbindung, Finanzierung und Zahlungsverkehr. Welche davon sind für österreichische Unternehmen am greifbarsten?

Prof. Taudes: Besonders greifbar sind derzeit Anwendungen rund um Lieferketten, Herkunftsnachweise und Dokumentation, daneben Alternativen im Zahlungsverkehr, die in der Studie branchenübergreifend als hochrelevant eingestuft werden. Österreichische Unternehmen, gerade in der Qualitätsproduktion, profitieren davon, wenn Herkunft, Produktionsschritte oder Nachhaltigkeitskriterien transparent und manipulationssicher dokumentiert werden können.

Auch im Bereich Produktfälschungsschutz gibt es, wie die in der Studie vorgestellten Beispiele zeigen, großes Potenzial, etwa im Bereich Fälschungssicherheit bei hochwertigen Produkten.

Ebenfalls für eine Vielzahl an Unternehmen interessant sind digitale Zertifikate und Nachweise, beispielsweise für CO₂-Daten oder Compliance-Anforderungen.

Im Zahlungsverkehr und in der Finanzierung wiederum sehen wir ebenfalls Potenzial, allerdings oft stärker bei international tätigen Unternehmen oder bei spezialisierten Geschäftsmodellen.



Portraitfoto Alfred Taudes, Leiter des Forschungsinstituts für Kryptoökonomie an der WU Wieni
WU

Für Unternehmen ist es entscheidend, welche konkreten und unternehmensrelevanten Probleme sich mit der Technologie lösen lassen.

Alfred Taudes, Leiter des Forschungsinstituts für Kryptoökonomie an der WU Wien

Können Sie an einem konkreten Beispiel erklären, wie Blockchain im Betrieb Kosten senken, Sicherheit erhöhen oder Bürokratie reduzieren kann? 

Prof. Taudes: Ein gutes Beispiel ist die Dokumentation in Lieferketten. Heute werden Informationen oft mehrfach erfasst, zwischen Unternehmen ausgetauscht und manuell überprüft. Das kostet Zeit und schafft Fehlerquellen.

Mit einer Blockchain-Lösung können relevante Informationen – etwa Herkunft, Produktionszeitpunkt oder Qualitätsnachweise – einmalig digital erfasst und für alle berechtigten Partner nachvollziehbar bereitgestellt werden. Dadurch sinkt der Abstimmungsaufwand, Prüfprozesse werden schneller und Manipulationen deutlich schwieriger.

Gerade bei Audits, Zertifizierungen oder regulatorischen Nachweisen kann das Bürokratie reduzieren und gleichzeitig die Sicherheit erhöhen.

Was Blockchain für KMU bedeutet

Müssen Unternehmen immer selbst Blockchain-Know-how aufbauen oder geht es eher darum, passende bestehende Lösungen zu erkennen und richtig einzusetzen?

Prof. Taudes: Die meisten Unternehmen müssen keine eigenen Blockchain-Entwickler beschäftigen. Entscheidend ist vielmehr, zu verstehen, welche Probleme die Technologie lösen kann und welche bestehenden Lösungen sinnvoll sind. Allerdings stehen für viele Anwendungsfälle derzeit noch keine fertigen Out-of-the-box-Lösungen zur Verfügung, sodass je nach Vorhaben Integrationsaufwand entsteht und die Einbindung externer IT-Dienstleister oder Forschungspartner sinnvoll ist.

Ähnlich wie bei Cloud- oder KI-Anwendungen ist zu erwarten, dass mittelfristig mehr Anwendungen als Service verfügbar sein werden. Unternehmen brauchen daher vor allem strategisches Verständnis und die Fähigkeit, seriöse Anbieter und sinnvolle Einsatzfelder zu erkennen.

Worauf sollten KMU achten, damit ein Blockchain-Projekt nicht zum teuren Experiment wird?

Prof. Taudes: Der wichtigste Punkt ist: Nicht mit der Technologie starten, sondern mit dem Geschäftsproblem. Unternehmen sollten zuerst klären, welcher konkrete Nutzen erreicht werden soll – etwa geringere Prozesskosten, bessere Nachvollziehbarkeit oder weniger Abstimmungsaufwand.

Wichtig ist außerdem, klein zu starten: mit klar abgegrenzten Pilotprojekten, messbaren Zielen und realistischen Erwartungen. Viele gescheiterte Projekte hatten das Problem, dass Blockchain eingesetzt wurde, obwohl eine einfachere Lösung gereicht hätte. Hilfreich ist, vor dem Start die Komplexität des Vorhabens realistisch einzuschätzen: Einfache Anwendungen wie die Notarisierung von Dokumenten lassen sich oft mit wenigen Personenmonaten umsetzen, während Lieferketten- oder Tokenisierungsprojekte (Anmerkung: Dabei werden Werte, Rechte oder Nachweise als digitale Token auf einer Blockchain abgebildet, etwa für Eigentum, Finanzierung oder Zertifikate.) deutlich mehr Aufwand erfordern.

Und schließlich sollte man auf Interoperabilität, rechtliche Rahmenbedingungen und die Einbindung der beteiligten Partner achten – denn der Nutzen entsteht oft erst im Zusammenspiel mehrerer Akteure.

Zur Studie

Einsatzmöglichkeiten der Blockchain-Technologie in österreichischen Unternehmen

Die Studie zeigt, wo Blockchain-Lösungen für Unternehmen praktisch einsetzbar sind – und wann sie tatsächlich einen Mehrwert bringen. Dafür wurden konkrete Anwendungsmöglichkeiten für Betriebe verschiedener Branchen und Größen analysiert. Zusätzlich nennt der Bericht Beispiele für Anbieter:innen, die in diesen Bereichen bereits Lösungen entwickeln oder umsetzen.

Der Fokus liegt auf der Praxis: Unternehmen sollen besser verstehen, was Blockchain leisten kann, passende Anwendungsfälle für eigene Herausforderungen erkennen und erste Orientierung für den möglichen Einstieg bekommen.

Jetzt Studie lesen!

Wie Österreich Blockchain nutzen kann

Wo sehen Sie in Österreich besonders viel Potenzial?

Prof. Taudes: Österreich hat großes Potenzial überall dort, wo Qualität, Vertrauen und internationale Wertschöpfung wichtig sind. Das betrifft etwa Industrie, Maschinenbau, Lebensmittel, Nachhaltigkeit und zertifizierte Qualitätsproduktion. Daneben hat sich Wien im Finanzbereich bereits als Hub für Krypto-Dienstleister etabliert, mit Bitpanda sowie internationalen Anbietern wie Bybit und KuCoin, die ihre Europazentralen hier angesiedelt haben.

Gerade österreichische Unternehmen sind oft stark in spezialisierten Nischen und globalen Lieferketten tätig. Dort können transparente und nachvollziehbare digitale Prozesse ein Differenzierungsmerkmal sein. Daneben können gerade die Möglichkeiten im internationalen Zahlungsverkehr für international tätige Unternehmen interessant sein.

Der erste Schritt zum Blockchain-Projekt

Wenn ein Unternehmen nach diesem Interview denkt: "Das könnte für uns spannend sein" – was wäre der erste sinnvolle Schritt?

Prof. Taudes: Der erste Schritt sollte immer eine nüchterne Analyse des eigenen Geschäftsprozesses sein: Wo entstehen heute Reibungsverluste, Medienbrüche, mangelnde Transparenz oder hoher Abstimmungsaufwand zwischen mehreren Partnern?

Danach sollte geprüft werden, ob diese Probleme tatsächlich mit Blockchain besser lösbar sind als mit bestehenden IT-Systemen.

Denn wichtig ist: Nicht "Wir brauchen Blockchain“, sondern "Wir haben ein konkretes Problem – und prüfen, ob Blockchain dafür die richtige Lösung ist."

Hier lohnt es sich auch, früh mit Experten Kontakt aufzunehmen, die als Sparringpartner für diesen Nachdenkprozess helfen können.

Wir danken für das Gespräch