Die EU und Indien haben beim Gipfel in New Delhi die Verhandlungen über ein Handelsabkommen abgeschlossen. Das ist ein großes Signal – für Europa als Wirtschaftsraum genauso wie für exportorientierte Betriebe in Österreich.
Die Dimension ist enorm: Ein EU–Indien-Abkommen würde knapp zwei Milliarden Menschen betreffen. Und es geht nicht nur um Konsument:innen, sondern um einen riesigen Dienstleistungs- und Industriemarkt. Dazu kommen harte Zahlen:
- Die EU ist Indiens größter Handelspartner; der Handel mit Waren lag 2024 bei 120 Milliarden Euro.
- Der Dienstleistungshandel lag 2023 bei 59,7 Milliarden Euro.
- EU-Direktinvestitionen in Indien (FDI-Bestand) werden mit 140,1 Milliarden Euro (2023) angegeben; rund 6.000 europäische Unternehmen sind vor Ort aktiv.
Kurz: Europa setzt auf Indien, weil es hier um Marktgröße, Wachstum und strategische Präsenz geht – nicht um ein Nischenabkommen.
Was wurde vereinbart (und was folgt jetzt)?
Der Abschluss der Verhandlungen ist der entscheidende Schritt: EU und Indien wollen den Handel breiter aufstellen und den Marktzugang verbessern.
Was das jetzt praktisch heißt:
- Der Text des Abkommens ist ausverhandelt, muss aber noch rechtlich „glattgezogen“ (Legal Scrubbing) und übersetzt werden.
- Danach folgen Beschlüsse und Ratifizierung – erst dann kann das Abkommen in Kraft treten.
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Jetzt zum Newsletter anmelden!Wichtig für die Erwartung: Ein Abschluss der Verhandlungen heißt noch nicht, dass die neuen Regeln "ab morgen" gelten – das erleben wir ja aktuell etwa beim EU-Mercosur-Abkommen. Jetzt folgen typischerweise rechtliche Finalisierung (technische Feinarbeit und Legal Scrubbing), Übersetzungen und die Ratifizierung (u. a. im Europäischen Parlament). Für Unternehmen ist die Zeit bis zum Inkrafttreten ideal, um interne Hürden und Prozesse zu sortieren.
Was ändert sich konkret, wenn das Abkommen in Kraft tritt?
- Zölle: werden stufenweise reduziert (je nach Produktgruppe) und sind planbarer
- Standards & Zertifizierungen: weniger Doppelprüfungen, klarere Verfahren (wenn Anerkennung/Kooperation greift)
- Bürokratie: weniger Reibung bei Nachweisen und Abwicklung – besonders relevant für KMU
- Planungssicherheit: transparentere Regeln für Markteintritt und Lieferketten
Warum Europa auf Indien setzt: 3 Motive, die du kennen solltest
Motiv #1: Wachstum – in einem Markt, der gerade massiv investiert
Indien wächst weiter stark. Der Wirtschaftsbericht der AUSSENWIRTSCHAFT AUSTRIA nennt 6,5% BIP-Wachstum und ein großes Infrastrukturprogramm von rund 130 Mrd. USD pro Jahr (Energie, Telekom, Transport).
Für europäische Anbieter:innen (Industrie, Infrastruktur, Energie, Tech) ist das eine klare Einladung – wenn die Handelsbedingungen im Alltag wirklich einfacher werden.
Motiv #2: Diversifizierung ("De-risking") in einer raueren Welt
Handel ist wieder Geopolitik. Europa will Lieferketten robuster machen und Abhängigkeiten reduzieren – und dafür sind große, politisch relevante Partner wie Indien zentral.
Die Einigung ist daher auch ein Signal: Die EU setzt nicht nur auf Risikominimierung, sondern auf aktive Partnerschaften in Wachstumsmärkten.
Motiv #3: Hohe Hürden – und genau deshalb ist der Hebel groß
Indien gilt als Markt mit vielen Regeln, Verfahren und teils hohen Handelsbarrieren. Genau deshalb ist der mögliche Nutzen groß: Wenn Zölle sinken und nicht-tarifäre Hürden (Standards, Zertifizierungen, Verfahren) entschärft werden, spart das Zeit, Geld und Unsicherheit.
Große Chancen für Österreichs Wirtschaft
Österreichs Indien-Geschäft ist kein Experiment mehr, sondern spürbar:
- Exporte 2024: +2,6% auf 1,31 Milliarden Euro
- Importe 2024: +7,1% auf 1,50 Milliarden Euro
- Wichtigste Warengruppe: Maschinen & Fahrzeuge: 539,9 Milliarden Euro, 41% Exportanteil.
Damit die Einigung für Betriebe wirklich spürbar wird, kommt es Expert:innen zufolge vor allem auf drei Hebel an: weniger Zölle und Handelshemmnisse, Anerkennung technischer Standards/Zertifizierungen und ein besserer Zugang zu Rohstoffen. Als plakatives Beispiel nennt die WKÖ sehr hohe indische Autozölle (teils über 100%). Gleichzeitig verweist sie auf zusätzlich nutzbares Exportpotenzial von 1,1 Milliarden Euro und darauf, dass Österreichs Indien-Exporte in zehn Jahren um 120% gestiegen sind; in den ersten zehn Monaten 2025 lagen sie demnach um 13% über dem Vorjahr.
Besonders lukrativ kann der Deal für Österreichs Wirtschaft in 3 Bereichen werden:
- Industrie-Modernisierung & Maschinenbau: Indien investiert stark, viele Projekte brauchen Anlagen, Automatisierung, Komponenten. Österreich liefert genau dort bereits viel.
- Green Tech, Energie, Infrastruktur: Wenn jährlich dreistellige Milliardenbeträge in Infrastruktur und Energie fließen, entstehen Chancen für Technologie, Engineering, Zulieferung – gerade auch für spezialisierte KMU.
- Mobilität und Schiene: Schon bisher sind u. a. Schienenfahrzeuge/Teile und industrielle Mobilitätskomponenten wichtige Exportgüter. Wenn Zölle/Standards einfacher werden, sinkt der Aufwand für Markteintritt und Skalierung.
Das Wichtigste in Kürze:
- Europa setzt auf Indien als Wachstums- und Diversifizierungspartner: Die EU und Indien handeln bereits Waren und Dienstleistungen im Wert von über 180 Milliarden Europro Jahr und unterstützen damit fast 800.000 Arbeitsplätze in der EU.
- Es wird erwartet, dass dieses Abkommen die EU-Warenausfuhren nach Indien bis 2032 verdoppeln wird, indem Zölle im Wert von 96,6 % der EU-Warenausfuhren nach Indien abgeschafft oder gesenkt werden.
- Insgesamt werden durch die Zollsenkungen jährlich rund 4 Milliarden Euro an Zöllen auf europäische Produkte eingespart.
- Österreich ist schon stark dabei: Exporte nach Indien 2024: 1,31 Milliarden Euro, wichtigste Gruppe Maschinen & Fahrzeuge (41% Exportanteil).
- Der Nutzen für KMU entscheidet sich daran, ob das Abkommen Zölle senkt und vor allem Standards, Zertifizierungen und Bürokratie spürbar vereinfacht – und wie schnell es in Kraft tritt.
