Die Sicherheits- und Verteidigungswirtschaft nimmt in Österreich Fahrt auf. Rüstungs-Chef Harald Vodosek vom Österreichischen Bundesheer sieht in transnationalen Industriekooperationen einen Hebel für die heimische Wirtschaft.
Das Wichtigste in Kürze
- Allgegenwärtige (geopolitische) Krisen machen ein sicherheitspolitisches Umdenken in Europa unumgänglich.
- EU-Initiativen wie "Readiness 2030", SAFE, der Defence Omnibus und der European Defence Fund sollen als Rahmenbedingung für die Stimulation genutzt werden.
- In Österreich schlummert viel Potenzial: Mit 150 Hightech-Unternehmen, 11.000 Arbeitsplätzen und 3,3 Milliarden Euro Jahresumsatz stellt diese Industrie einen beträchtlichen Wirtschaftsfaktor dar.
- Bisher war die heimische Rüstungsindustrie exportorientiert, durch Industriekooperationen soll Wertschöpfung nach Österreich zurückgeholt werden.
Neue geopolitische Bedrohungen
Die EU und Österreich sind angesichts der neuen geopolitischen Bedrohungen gezwungen, mehr in die eigene Verteidigung zu investieren. Die USA unter Präsident Donald Trump verfolgen einen stärker protektionistischen Kurs, was folglich in Europa die Frage nach eigener sicherheits- und verteidigungspolitischer Handlungsfähigkeit stärker in den Vordergrund rücken lässt.
"Wir befinden uns in einer Ära der Aufrüstung", sagte Ursula von der Leyen bereits im März 2025. Die EU stellte damals die verteidigungspolitische Initiative "ReArm Europe" vor, die später in "Readiness 2030" umbenannt wurde.
Autonomie als Devise
Die EU will ihre verteidigungspolitische Handlungsfähigkeit und ihre industrielle Basis deutlich stärken. Dazu sollen die Mitgliedstaaten enger zusammenarbeiten und mehr gemeinsam entwickeln bzw. beschaffen. Laut der European Defence Industrial Strategy (EDIS) soll bis 2030 der Wert des innergemeinschaftlichen Handels mit Verteidigungsgütern mindestens 35 Prozent des Wertes des EU-Verteidigungsmarktes ausmachen.
Auch für Österreich gibt es einen Aufbauplan.
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Geografisch exponiertes Österreich
"Auf der Grundlage einer Risikoanalyse und verstärkt durch den Ukraine-Russland Konflikt ist die Entscheidung getroffen worden, das Bundesheer vor allem auf Landesverteidigung auszurichten und im Rahmen eines Aufbauplanes die Fähigkeiten des Österreichischen Bundesheeres zu stärken. Dieser Aufbauplan wird im Rahmen der 'Mission Vorwärts' seit 2022 umgesetzt." , sagt Generalleutnant Harald Vodosek, Rüstungschef des Österreichischen Bundesheers.
Die Realisierung erfolgt dabei in 5 Domänen:
- Land
- Luft
- Weltraum
- Cyberraum
- Informationsraum
"Die Bewältigung der sogenannten Multi-Domänen-Operation erfordert den Einsatz aller vorhandenen und zukünftigen Technologien!" unterstreicht Vodosek.
Ein Schlüsselfaktor dabei: Industrie und Wirtschaft in Österreich, die sich hier einbringen können und sollen.
Auftrag an Unternehmen
Zur Steigerung der Landesverteidigungsleistung für die österreichische Bevölkerung müsse die österreichische Industrie und Wirtschaft mit eingebunden werden, so Vodosek weiter, der sich eine Vernetzung mit internationalen Rüstungskonzernen wünscht.
Die gute Nachricht: Österreich hat laut KMU-Forschung Austria (Stand: 2024) im Bereich der Sicherheits- und Verteidigungswirtschaft viel beizutragen.
- Mit mehr als 150 Hightech-Unternehmen,
- 11.000 Arbeitsplätzen,
- 3,3 Milliarden Euro Jahresumsatz,
- einer F&E-Quote von 7,5% sowie
- einer Investitionsquote von 5,7% ist dieser Bereich ein volkswirtschaftlicher Stabilitätsanker.
"Das österreichische industrielle Potenzial umfasst eine große Bandbreite an Technologien." führt Vodosek weiter aus und erwähnt dabei unter anderem die Technologiebereiche Verbundstoffe, spezialisierte Keramikanwendungen, IKT- und Cybertechnologien, hydraulische Systeme, elektronische Systeme, hochspezifische Verbundstoffe sowie Testausrüstung und Trainingssysteme.
Zudem zeigt die Exportquote von 90 Prozent die internationale Wettbewerbsfähigkeit österreichischer Unternehmen.
Wertschöpfung im Land halten
Allerdings: In den hohen Exportquoten liegt auch ein Problem. "Wir müssen die österreichische und europäische Industriebasis stärken", sagt Vodosek, der in Kooperationen ein strategisch wichtiges Instrument sieht. In weltpolitisch rauen Zeiten geht es darum, technologische Unabhängigkeit zu schaffen, vor allem militärisch. Wertschöpfung im Land zu halten sei ein Element davon. Mittels industrieller Kooperationen ist genau das möglich, indem Unternehmen in Lieferketten eingebunden werden und technologische Fähigkeiten erhalten bleiben.
Vodosek präzisiert: "Industrielle Kooperation ermöglicht, dass ein Teil der Wertschöpfung im Zuge der Fertigung von Luftfahrzeugen, Sensorik, Kommunikationssystemen zurück nach Österreich geholt wird. Das ist kein Add-on, sondern ein strategisches Instrument, um militärische Fähigkeiten, technologische Unabhängigkeit und nationale Wertschöpfung zugleich zu stärken."
Das Österreichische Bundesheer sei eine Einsatzorganisation, die 24/7/365 agieren können muss. Produktion und Service seien deshalb von besonderer Bedeutung. "Österreich in Lieferketten bringen, Know-how im Land aufbauen und Service- und Wartungskapazitäten im Inland sichern", fasst er zusammen, was es in geopolitisch unsicheren Zeiten braucht.
Kooperation mit Italien
Wie das funktionieren kann, zeigt ein aktuelles Beispiel bei der Beschaffung von zwölf Leonardo-Kampfjets, für die Österreich eine Kooperation mit Italien eingegangen ist. Das Projektvolumen umfasst 1,5 Milliarden Euro. Die Flugzeuge werden ab 2028 in Linz Hörsching stationiert sein, dort werden auch Bewaffnung, Munition, Wartung, Ausbildung und Simulation stattfinden.
Das Industrieabkommen mit Italien soll Aufträge und industrielle Kooperationen im Umfang von rund 400 Millionen Euro für Österreichs Wirtschaft sichern und als Innovationsmotor mit Hebelwirkung für Wachstum und Beschäftigung dienen. Gleichzeitig müssen auch Finanzierungsfragen sowie Forschung und Entwicklung mitgedacht werden.
EU-Initiativen wie die eingangs erwähnte "Readiness 2030", SAFE, der "Defence Readiness Omnibus" und der "European Defence Fund" sollen diese Entwicklung unterstützen. "Die Initiativen dienen vor allem dem Zweck, die europäische Technologienbasis zu stärken und die Rüstungsgüterproduktion zu stimulieren." fasst Vodosek zusammen.
Fazit: Dringender Aufholbedarf
Viele sicherheitspolitische Analysen gehen derzeit nicht von einer raschen Rückkehr zur früheren internationalen Ordnung aus. Europa steht im globalen Wettbewerb mit den USA und China unter erheblichem Druck – wirtschaftlich, technologisch und sicherheitspolitisch.
Europas wirtschaftliche Größe und industrielle Basis bleiben im globalen Wettbewerb dennoch zentrale Machtfaktoren. Umso wichtiger ist es, Entwicklungs- und Beschaffungsstrukturen gemeinsam aufzubauen – mit Österreich als wichtigem und innovativem Partner.
