Orbán ist abgewählt, in Ungarn wächst die Erwartung auf einen wirtschaftspolitischen Neustart. Für Österreich ist das mehr als eine politische Nachricht: Kaum ein Nachbarland ist als Exportmarkt und Investitionsstandort und Arbeitsmarktpartner so eng mit der heimischen Wirtschaft verflochten.
Das Wichtigste in Kürze
- Ungarn ist Österreichs siebtgrößter Exportmarkt weltweit, wichtiger Investitionsstandort und enger Partner bei Handel, Dienstleistungen und Arbeitsmarkt.
- Viele Unternehmen hoffen jetzt auf mehr Planbarkeit, weniger staatliche Eingriffe und verlässlichere Rahmenbedingungen.
- 81 Prozent der österreichischen Auslandstöchter wünschen sich mehr Berechenbarkeit, 73 Prozent sehen Defizite bei der Rechtssicherheit, 49 Prozent kritisieren die Bürokratie.
- Ob der politische Wechsel auch wirtschaftlich einen Neustart bringt, wird sich erst in den kommenden Monaten zeigen.
Zäsur nach 16 Jahren
Der politische Wechsel in Budapest ist nach 16 Jahren vollzogen: Am 12. April unterlagen Viktór Orban und seine FIDESZ Partei seinem Rivalen Peter Magyar (TISZA). Die Erwartungen sind hoch und es herrscht Aufbruchsstimmung - "sowohl in der Bevölkerung als auch in der Wirtschaft", sagt Philipp Schramel, WKÖ-Wirtschaftsdelegierter in Budapest. Das Vertrauen habe sich leicht verbessert, es werde aber entscheidend sein, ob die neue Regierung dieses Vorschussvertrauen auch nachhaltig rechtfertigen kann.
Denn: Ungarn ist für Österreich nicht nur Nachbar, sondern ein zentraler Partner in Wirtschaftsangelegenheiten. Wenn sich also die politischen Rahmenbedingungen in Ungarn verändern, hat das auch Auswirkungen auf österreichische Unternehmen – von der Exportwirtschaft bis zu Produktions- und Lieferketten.
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Ungarn ist für Österreich kein Randmarkt
Ungarn war zuletzt der siebtgrößte Exportmarkt Österreichs weltweit mit einem Exportvolumen von mehr als 7 Mrd. Euro, wobei die Warenausfuhren im Vorjahr um 2,4 Prozent zulegten. Österreich wiederum ist der viertgrößte Handelspartner Ungarns sowie zweitgrößter Investor im Land nach Deutschland.
Das zeigt: Hier geht es nicht um einen kleinen Markt an der Peripherie, sondern um einen eng verflochtenen Wirtschaftsraum. Für viele österreichische Betriebe ist Ungarn Teil des täglichen Geschäfts – als Absatz- und Beschaffungsmarkt bzw. als Produktionsstandort oder Standort für Tochtergesellschaften (siehe weiter unten, welche Erwartungshaltungen sich hieraus ergeben).
Diese enge wirtschaftliche Verbindung zeigt sich auf mehreren Ebenen.
Handel, Dienstleistungen und Arbeitsmarkt
Im Warenexport geht es um Milliardenbeträge. Besonders stark ist Österreich hier bei Maschinen, Kraftfahrzeugen, elektrischen Maschinen und Energieprodukten. Dazu kommen Dienstleistungen, vor allem in den Bereichen Transport und Tourismus. Deren bilaterale Bilanz ist sehr ausgeglichen. Während im Gesamtjahr 2024 2,6 Mrd. Euro Exporterlösen aus Dienstleistungen 2,1 Mrd. Euro Importausgaben gegenüberstanden, waren es im 1. Halbjahr 2025 1,1 bzw. 1,2 Mrd. Euro.
Auch der Arbeitsmarkt verbindet beide Länder eng. Knapp 130.000 ungarische Staatsbürger:innen arbeiten in Österreich, dazu kommen tausende Pendler:innen. Die Beziehung zwischen Österreich und Ungarn ist also nicht nur eine Frage von Handelsstatistiken.
Warum die Wahl wirtschaftlich relevant ist
Die eigentliche wirtschaftliche Frage nach der Wahl lautet daher nicht nur: Wer regiert künftig in Budapest? Sondern: Werden die Rahmenbedingungen für Unternehmen verlässlicher und planbarer?
Gerade internationale Betriebe waren in den vergangenen Jahren immer wieder negativ betroffen: Sondersteuern für ausländische Unternehmen, staatliche Preisdeckel, undurchsichtige staatliche Vergaben und andere kurzfristige Eingriffe haben das Vertrauen belastet. Nun besteht die Hoffnung, dass diese Maßnahmen auslaufen werden. "Es gab im Wahlkampf Signale für einen Kurswechsel weg von kurzfristigen Krisenmaßnahmen, wie Sondersteuern für ausländische Unternehmen oder Preisdeckeln, hin zu stärker marktwirtschaftlich geprägten Rahmenbedingungen. Entscheidend wird sein, ob dieser Übergang in den kommenden Monaten auch konsequent umgesetzt wird", so Schramel.
Dass hierin auch die Hoffnung von Unternehmen liegt, zeigt eine Umfrage unter Auslandstöchtern österreichischer Unternehmen, die noch vor der Wahl durchgeführt wurde:
- 81% hoffen auf mehr Berechenbarkeit bei der Wirtschaftspolitik,
- 73% bemängeln die Rechtssicherheit und
- 49% kritisieren die Bürokratie.
Vor Ort sind rund 1.400 österreichische Töchterunternehmen aktiv. Stichwort Wirtschaft: Diese leidet in Ungarn unter einer Reihe von Problemen, zeigt gleichzeitig aber großes Potenzial.
Klare Baustellen, viel Potenzial
Die Wirtschaft hat zuletzt an Schwung verloren, Industrie und der Export gerieten unter Druck. Das zeigt auch der Vergleich mit den Nachbarländern in Mittel- und Osteuropa, wo sich die ungarische Wirtschaft in den vergangenen drei Jahren unterdurchschnittlich entwickelt hat. Dazu kommen blockierte EU-Gelder, eine gestiegene Staatsverschuldung und ein unberechenbares Umfeld für Investor:innen.
Gleichzeitig bleibt das Land in mehreren Bereichen attraktiv: Ungarn setzt weiter auf niedrige Unternehmenssteuern, wettbewerbsfähige Lohnkosten und Förderanreize für Investor:innen. Auch als Nearshoring-Standort innerhalb der EU bleibt das Land interessant.
Ungarn ist zudem ein zentraler Standort der europäischen Automobilindustrie. "Mit Investitionen von Unternehmen wie BYD oder BMW wird auch das Thema Elektromobilität weiter an Bedeutung gewinnen", schätzt Philipp Schramel die momentane Situation ein.
Für Österreich ist das aus mehreren Gründen relevant. Erstens, weil heimische Zulieferer eng in diese Wertschöpfung eingebunden sind. Zweitens, weil Veränderungen in Ungarn oft direkt auf Produktionsketten in Österreich ausstrahlen. Und drittens, weil sich an diesem Sektor besonders gut zeigt, wie stark wirtschaftliche Perspektiven von politischer Planbarkeit abhängen.
Energie, EU-Gelder und geopolitische Ausrichtung
Zuletzt steht natürlich auch noch Ungarns Nähe zu Russland im Raum. Ein rascher Ausstieg Ungarns aus russischen Energiequellen wird kurzfristig nicht realistisch sein. Die neue Regierung wird stark auf den Ausbau der Atomkraft (AKW PAKS II) für die Energieversorgung setzten. Gleichzeitig hat das Land in den vergangenen Jahren stark in Solarenergie investiert. Sollten eingefrorene EU-Gelder künftig wieder fließen, könnte das zusätzliche Investitions- und Förderimpulse bringen.
"Geopolitisch wird entscheidend sein, wie sich Ungarn künftig positioniert. Eine stärkere Einbindung in die europäische Zusammenarbeit wäre auch aus wirtschaftlicher Sicht ein positives Signal – nicht zuletzt für österreichische Unternehmen", schätzt der WKÖ-Wirtschaftsdelegierte die Situation ein. "Dieses hohe Niveau gilt es auch unter den neuen politischen Rahmenbedingungen weiter auszubauen. Die angekündigten Besuche in Warschau und Wien zeigen, dass die regionale Zusammenarbeit wieder stärker in den Fokus rückt. Für Österreich ist das ein wichtiges Signal, um die enge wirtschaftliche Partnerschaft weiter auszubauen", schlussfolgert Schramel.
Fazit
Ungarn ist für Österreich wirtschaftlich zu wichtig, um die Wahl nur als politischen Machtwechsel zu lesen. Das Land ist ein bedeutender Exportmarkt, ein zentraler Investitionsstandort und ein wichtiger Teil regionaler Lieferketten. Gerade deshalb wird jetzt genau beobachtet, ob der politische Umbruch auch wirtschaftlich einen Neustart bringt. Die Chance ist da. Aber sie muss erst genutzt werden.
Unterstützung vor Ort
Das AußenwirtschaftsCenter Budapest ist jährlich zentrale Anlaufstelle für rund 1.000 österreichische Unternehmen. Die WKÖ-Expert:innen unterstützen österreichische Firmen insbesondere bei der Suche nach Vertriebs- und Produktionspartnern sowie potenziellen Kunden.
