China setzt massiv auf Industriepolitik, die USA locken mit Förderprogrammen Investitionen an und wirtschaftliche Abhängigkeiten werden immer öfter geopolitisch genutzt. Kurz: Für die EU reicht es deshalb nicht mehr, nur auf offene Märkte zu vertrauen. Ist "Made in Europe" die Lösung?
Am 4. März 2026 "hat die Europäische Kommission einen Legislativvorschlag angenommen, um die Nachfrage nach CO2-armen in Europa hergestellten Technologien und Produkten zu steigern". Auf drei Buchstaben zusammengedampft ist das Ganze auch besser bekannt als IAA, also dem Industrial Accelerator Act. Mit diesem will die Kommission industrielle Kapazitäten und Dekarbonisierung in drei strategischen Feldern stärken:
- energieintensive Industrien,
- Netto-Null-Technologien und
- automobile Lieferketten.
Das Ziel ist ambitioniert: Der Industrieanteil an der europäischen Wirtschaftsleistung soll bis 2035 von 14,3 auf 20% steigen.
Warum der Druck auf Europa wächst
Der Handlungsdruck ist real und lässt sich nicht wegdiskutieren. Laut IMF entsprach Chinas Industriepolitik 2023 rund 4,4% des BIP. In der EU waren es im Jahr davor 1,5%. Dazu kommen Local-Content-Vorgaben, selektiver Marktzugang und andere Wettbewerbsverzerrungen.
Besonders deutlich zeigt sich das in der Autoindustrie: Chinas Autoexporte stiegen seit der Vor-Pandemie-Zeit von rund 1 auf mehr als 7 Millionen Fahrzeuge. Gleichzeitig sind die EU-Autoexporte nach China seit Anfang 2023 stark eingebrochen. Und weil auch der US-Markt nach neuen Zöllen und dem Zurückfahren von IRA-Anreizen unsicherer wird, gerät Europas Autoindustrie von zwei Seiten unter Druck.
Dazu kommt Chinas Handelsüberschuss: 2025 lag er bei rund 1,2 Billionen US-Dollar. Überkapazitäten, eine schwache Währung und deflationärer Druck erhöhen die Gefahr neuer Handelsspannungen zusätzlich.
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Die drei Hebel des IAA
Im Kern fußt der Industrial Accelerator Act auf drei Säulen:
- soll es schnellere und einheitlichere Genehmigungen über nationale One-Stop-Shops und sogenannte Industrial Acceleration Areas geben.
- sieht der IAA eine schärfere Prüfung großer ausländischer Direktinvestitionen in strategischen Branchen wie Batterien, E-Fahrzeugen, Solar oder Rohstoffen vor. Entscheidend sind Jobs, Technologietransfer und echte Wertschöpfung in Europa.
- soll es neue Präferenzregeln bei öffentlichen Ausschreibungen und Unterstützungsinstrumenten geben.
Öffentliche Ausschreibungen stellen laut Kommission rund 15% des europäischen BIPs. Künftig soll für diesen beachtlichen Anteil der Wirtschaft stärker zählen, ob Produkte aus der EU kommen und/oder CO₂-arm hergestellt wurden. Betroffen wären vornehmlich Stahl, Zement Aluminium und E-Fahrzeuge.
Zu den priorisierten Clean-Tech-Sektoren zählen Batteriespeicher, Solar-PV, hydronische Wärmepumpen, Onshore- und Offshore-Wind, Elektrolyseure und – je nach Instrument – auch Kernspaltungstechnologien.
Made in Europe – aber mit Partnern
Steht "Made in Europe" also für Abschottung? Nein, denn Partnerländer mit fairen, reziproken Marktbedingungen werden eingebunden, weshalb auch der Begriff "Made in Europe and Partner Countries" besser passt.
Zudem ist es ein gezielter Hebel: Öffentliche Aufträge, Förderungen und andere Anreize sollen wie oben erwähnt stärker an europäische Wertschöpfung und teilweise auch an CO₂-arme Produktion geknüpft werden.
Der Vorteil: Solche Regeln schaffen Nachfrage. Sie können Investitionen nach Europa lenken, Industriecluster stabilisieren und Unternehmen mehr Planungssicherheit geben. Gerade für Österreich ist das wichtig, weil viele heimische Betriebe keine Endprodukte herstellen, sondern Maschinen, Komponenten, Materialien oder Spezialleistungen liefern.
Der Binnenmarkt ist Europas stärkster Hebel
Die EU hat etwas, das oft unterschätzt wird: ihren Binnenmarkt. Genau dort kann sie Nachfrage bündeln, Skaleneffekte schaffen und Investitionen hinlenken. "Made in Europe and Partner Countries" kann aber nur funktionieren, wenn die Regeln gezielt und praktikabel bleiben. Nicht jeder Sektor braucht dieselbe Logik. Schwellenwerte müssen realistisch sein, Nachweise einfach und Ausnahmen für KMU mitgedacht werden. Überzogene Quoten wären hingegen kontraproduktiv, denn sie würden Kosten treiben, Produktion gefährden und im schlechtesten Fall sogar Investitionen aus Europa weglenken. Entscheidend ist außerdem, dass es keine nationalen Alleingänge gibt. Sonst drohen zersplitterte Regeln im Binnenmarkt und ein teurer Subventionswettlauf. Sinnvoll ist deshalb nur ein europäisch koordinierter Ansatz.
Freihandelsabkommen = Teil der Lösung
Mehr Resilienz heißt in diesem Fall nicht automatisch weniger, sondern klügere Offenheit. Gerade weil multilaterale Lösungen (also gemeinsame Regeln für möglichst viele Staaten) derzeit oft nur eingeschränkt funktionieren, werden plurilaterale Kooperationen (also Abkommen mit einer kleineren Gruppe verlässlicher Partnerländer) wichtiger. Dazu passen Freihandelsabkommen mit Ländern, die europäischen Unternehmen echte Gegenseitigkeit bieten – etwa Mercosur oder Indien. Solche Abkommen erweitern Märkte, helfen beim Skalieren und verhindern, dass Europa sich wirtschaftlich einigelt.
Gleichzeitig gilt es jedoch festzuhalten: Local-Content-Regeln allein lösen Europas Wettbewerbsprobleme nicht. Es braucht auch bessere Standortbedingungen – und dazu zählen leistbare Energie, schnellere Verfahren, Fachkräfte, Infrastruktur, Forschung und Innovation.
Das Wichtigste in Kürze
- Europa reagiert auf eine Welt, in der Industriepolitik, Sicherheit und wirtschaftliche Abhängigkeiten enger zusammenrücken.
- "Made in Europe and Partner Countries" soll kein Abschottungsprojekt sein, sondern ein gezielter Nachfragehebel.
- Der Industrial Accelerator Act setzt auf schnellere Genehmigungen, strengere Investitionsprüfung und neue Präferenzregeln.
- Für Österreich ist das vor allem als Zuliefer- und Industriestandort relevant.
- Entscheidend bleibt die Balance: mehr Resilienz, aber weiter Offenheit für verlässliche Partnerländer.
