Österreichische Unternehmen in den VAE arbeiten weiter, beobachten die Lage aber genau. Vor allem Logistik, Sicherheit und Lieferketten stehen derzeit im Fokus. Ein Interview mit Johannes Brunner, dem WKÖ Wirtschaftsdelegierten in Dubai.
Für österreichische Unternehmen in den Vereinigten Arabischen Emiraten bleibt die Lage angespannt, aber vorerst stabil. Projekte laufen weiter, doch die geopolitische Unsicherheit erhöht den Informationsbedarf. Vor allem bei Reisesicherheit, Lieferketten, Versicherungen und Verträgen wird genauer geprüft, schneller reagiert und vorsichtiger geplant. Johannes Brunner, WKÖ Wirtschaftsdelegierter in Dubai, gibt im MARI€-Interview Einblicke in das Wirtschaftsleben im Krisengebiet Nahost.
VAE: stabile Lage für österreichische Unternehmen
Herr Brunner, wie ist derzeit die Lage für österreichische Unternehmen in den Vereinigten Arabischen Emiraten, insbesondere in Dubai?
Johannes Brunner: Aus Sicht des österreichischen AußenwirtschaftsCenters präsentiert sich die Lage für österreichische Unternehmen in den VAE den Umständen entsprechend stabil. Viele Firmen sind seit Jahren, teils seit Jahrzehnten, in der Golfregion aktiv und verfügen über entsprechende Erfahrung, Krisenpläne und lokale Netzwerke. Die laufenden Projekte – insbesondere im Bau‑ und Infrastrukturbereich – werden nach unserem Kenntnisstand aktuell weiter umgesetzt. Gleichzeitig beobachten die Unternehmen die geopolitische Entwicklung sehr genau und passen interne Prozesse – etwa beim Thema Reisesicherheit, Lieferketten oder Versicherungen – entsprechend an.
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Dubai: Geschäft läuft trotz Nahostkrise weiter
Läuft das Geschäft weitgehend normal weiter oder beobachten Sie vermehrte Anfragen bzw. eine gewisse Verunsicherung?
Brunner: Der Geschäftsalltag läuft in weiten Teilen der Wirtschaft weitgehend normal weiter, dennoch spüren wir eine erhöhte Informations- und Beratungsnachfrage. Unternehmen wollen besser verstehen, welche Auswirkungen die aktuelle Lage konkret auf ihre Mitarbeiter, Reisen, Lieferketten und Verträge haben kann. Dafür wurde unter anderem ein eigener Nahost‑Infopoint auf der Website der Wirtschaftskammer Österreich eingerichtet, über den sich Unternehmen tagesaktuell informieren können. Von einer generellen Panik oder einem Rückzug kann derzeit keine Rede sein – eher von erhöhter Vorsicht und dem Wunsch nach verlässlichen Informationen über die Situation vor Ort.
Werden derzeit Projekte oder Investitionen zurückgestellt oder vorübergehend pausiert?
Brunner: Es ist zum jetzigen Zeitpunkt noch zu früh, um von einem klaren Trend bei Projektverschiebungen oder Investitionsstopps zu sprechen. Einzelne Unternehmen prüfen natürlich, ob Zeitpläne angepasst werden sollen – das ist in einer Phase erhöhter Unsicherheit verständlich und betriebswirtschaftlich sinnvoll. Grundsätzlich werden laufende Bau- und Infrastrukturprojekte in den VAE derzeit weitergeführt, und uns liegen bislang keine Hinweise auf einen Stopp österreichischer Engagements vor. Die meisten Firmen agieren eher nach dem Prinzip weiterarbeiten, aber mit verstärktem Risikomanagement.
FACTBOX: Wie ist Österreichs Exportwirtschaft aktuell in der Region aufgestellt?
- Die Einnahmen aus den bisher hohen Rohstoffpreisen wurden langfristig in der Region investiert, was sich in massiven Zuwächsen der österreichischen Exporte nach Saudi-Arabien in den vergangenen Jahren auswirkte. Unterschiedlich war die Entwicklung im vergangenen Exportjahr: So verzeichneten die Vereinigten Arabischen Emirate im Vorjahr wieder ein starkes Plus (+9,2%), während die Ausfuhren nach Saudi Arabien nachgaben (-15%) – allerdings nach jeweils kräftigen Steigerungen in den Jahren davor (2023:+12%; 2024: +49%).
- Den Nahen und Mittleren Osten beliefern rund 2.750 österreichische Warenexporteure, am meisten Exporteure sind mit rund 1.450 in den Vereinigten Arabischen Emiraten aktiv.
- In der Region sind sowohl kleine als auch große österreichische Betriebe aktiv: Mehr als 1.200 Exportunternehmen in der Region beschäftigen bis zu 10 Mitarbeiter:innen, über 400 haben mehr als 250 Beschäftige.
- Zudem betreiben etwa 270 österreichische Unternehmen Niederlassungen in der Region.
- Maschinen, Fahrzeuge, Pharmazeutische Erzeugnisse, Eisen und Stahl machen mehr als zwei Drittel (65%) der österreichischen Gesamtexporte in die Region aus.
- In den vergangenen zehn Jahren konnte Österreichs stärkster Exportzeig "Maschinenbauerzeugnisse und Fahrzeuge" um mehr als 6% zulegen, ein kräftiges Plus gab es auch bei den Bearbeiteten Waren und Chemischen Erzeugnissen mit jeweils über 40%.
Logistik und Lieferketten unter Druck
Was hat sich seit Beginn der Eskalation wirtschaftlich am schnellsten verändert: Stimmung, Logistik, Finanzierung, Energiepreise oder Investitionsentscheidungen?
Brunner: Am schnellsten hat sich die Logistik verändert – insbesondere durch temporäre Luftraumsperren und die Unpassierbarkeit der Straße von Hormuz. Auswirkungen auf den Öl- und Gaspreis sind eine unmittelbare Folge davon. Es ist zum jetzigen Zeitpunkt noch zu früh, um von einem klaren Trend bei Finanzierungen oder Investitionsentscheidungen zu sprechen. Mit Andauer des Konfliktes ist die Stimmung sicherlich vorsichtiger geworden, bleibt aber resilient.
Welche unmittelbaren Folgen sehen Sie derzeit für die österreichischen Unternehmen vor Ort?
Brunner: Unmittelbare Folgen sind vor allem erhöhte Sicherheitsmaßnahmen, Remote-Arbeit für Teile der Belegschaft, aber auch Auswirkungen auf Lieferketten und Verträge. Viele Firmen mit langjähriger Präsenz in den VAE greifen auf bewährte Krisenpläne zurück, sodass der operative Ablauf weitgehend stabil bleibt.
iEin struktureller Schaden zeichnet sich derzeit nicht ab; die Fundamentaldaten wie Diversifizierung und Wachstumsdynamik bleiben intakt, solange die geopolitische Lage nicht weiter eskaliert.
Wirtschaftliche Folgen der Krise
Ist die aktuelle Verunsicherung aus Ihrer Sicht eher ein kurzfristiger Schock oder zeichnet sich bereits ein struktureller Schaden ab?
Brunner: Aus unserer Sicht handelt es sich um einen kurzfristigen Schock, der durch die bewährte Resilienz der VAE-Wirtschaft und ihrer Unternehmen abgefedert wird. Ein struktureller Schaden zeichnet sich derzeit nicht ab; die Fundamentaldaten wie Diversifizierung und Wachstumsdynamik bleiben intakt, solange die geopolitische Lage nicht weiter eskaliert.
In welchen Bereichen sehen Sie trotz Krieg und Unsicherheit weiterhin Chancen für österreichische Unternehmen?
Brunner: Trotz Unsicherheit bestehen weiterhin Chancen in Sektoren wie erneuerbare Energien, Infrastrukturausbau oder auch der Gesundheitswirtschaft – Bereiche, in denen österreichisches Know-how gefragt ist und die VAE langfristig priorisieren. Lokale Partner und digitale Kooperationen erleichtern den Einstieg auch unter erschwerten Bedingungen.
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Risikomanagement für internationale Geschäfte
Welche Risiken sollten österreichische Unternehmen in Ihrem Markt jetzt besonders ernst nehmen?
Brunner: Besonders ernst zu nehmen sind Risiken bei Personensicherheit, Lieferkettenunterbrechungen und potenzieller Volatilität in Versicherungen und bei der Vertragserfüllung. Unternehmen sollten ihre Business-Continuity-Pläne aktualisieren, lokale Netzwerke stärken und Szenarien für längere Einschränkungen planen – der Nahost-Infopoint der WKO bietet hierfür wertvolle Orientierung.
Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute!
Das Wichtigste in Kürze:
- Für österreichische Unternehmen in den VAE ist die Lage aktuell angespannt, aber insgesamt stabil.
- Der Geschäftsalltag läuft großteils weiter, gleichzeitig steigt der Bedarf an verlässlichen Informationen und Beratung deutlich.
- Am stärksten spürbar sind derzeit die Folgen für Logistik, Reisesicherheit, Lieferketten und vertragliche Absicherung.
- Laufende Projekte werden nach aktuellem Stand weitergeführt, ein breiter Stopp von Investitionen ist derzeit nicht erkennbar.
- Trotz Unsicherheit bleiben Chancen in erneuerbaren Energien, Infrastruktur und Gesundheit bestehen, sofern Unternehmen ihr Risikomanagement laufend anpassen.



