Wie können Betriebe den Generationenwechsel vorbereiten – und warum wird eine Übernahme auch für Menschen außerhalb der Familie immer interessanter? Univ.-Prof. Dr. Reinhard Prügl und Ass.-Prof. Dr. Julia Süss-Reyes vom Institut für Familienunternehmen an der WU Wien haben die Antworten.
Das Wichtigste in Kürze
- Bis 2035 stehen laut KMU Forschung Austria rund 56.600 Unternehmen vor einer möglichen Übergabe – rund ein Viertel aller Arbeitgeberbetriebe.
- Bereits 55% der Betriebsübergaben erfolgen außerhalb der Familie. Die Suche nach einer Nachfolge wird damit breiter.
- Für die Planung empfehlen die befragten WU-Forschenden einen Vorlauf von mindestens fünf bis zehn Jahren.
- Finanzierung, Steuern und Bürokratie können Übergaben erschweren. Gleichzeitig bieten bestehende Betriebe Chancen für Menschen, die selbstständig werden wollen.
56.600 Betriebe – und weit mehr als eine Eigentümerfrage
Wer ein Unternehmen übergibt, gibt nicht nur einen Schlüssel weiter. Es geht auch um Kund:innen, Mitarbeitende, betriebliches Wissen und oft um einen wichtigen Standort in der Region. Gelingt die Nachfolge nicht, können diese Strukturen verloren gehen.
Wie groß die Aufgabe ist, zeigt die Studie "Unternehmensübergaben und -nachfolgen 2026" der KMU Forschung Austria im Auftrag von WKÖ und Wirtschaftsministerium: Bis 2035 stehen rund 56.600 Arbeitgeberunternehmen mit fast 780.000 Arbeitsplätzen zur Übergabe an.
Im Durchschnitt stehen hinter einer erfolgreichen Unternehmensnachfolge 14 Arbeitsplätze und rund 1,1 Millionen Euro direkte Wertschöpfung pro Jahr. Besonders viele potenzielle Übergabefälle gibt es im Handel (11.600) sowie bei freiberuflichen, wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungen (10.800). In Produktion und Handel zusammen sind rund 350.000 Beschäftigte betroffen.
Was das für Betriebe und künftige Unternehmer:innen bedeutet, haben wir mit Reinhard Prügl und Julia Süss-Reyes vom Institut für Familienunternehmen der WU Wien besprochen.
Warum die Nachfolge nicht mehr automatisch in der Familie bleibt
Wie hat sich Unternehmensnachfolge in den vergangenen Jahren verändert und warum wird die klassische familieninterne Übergabe zunehmend durch andere Nachfolgemodelle ergänzt?
Prügl/Süss-Reyes: Die Unternehmensnachfolge in Österreich hat sich in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verändert. Während Betriebe früher überwiegend innerhalb der Familie übergeben wurden (vor rund 30 Jahren wurden noch rund drei Viertel der Betriebe in der Familie weitergegeben), gewinnen familienexterne Nachfolgemodelle zunehmend an Bedeutung.
Laut KMU Forschung Austria (2026) erfolgen aktuell nur noch 45% der Betriebsübergaben familienintern und bereits 55% familienextern. Damit wird erstmals die Mehrheit der Betriebe außerhalb der Familie weitergegeben. Das ist ein großer Einschnitt und das wird vermutlich langfristig so bleiben.
Die Gründe dafür sind neben dem demografischen Wandel vor allem die veränderten Lebens- und Karrierevorstellungen der jüngeren Generation. Für viele ist es keine Selbstverständlichkeit mehr, den elterlichen Betrieb zu übernehmen. Dadurch gewinnen alternative Nachfolgemodelle wie beispielsweise der Verkauf des Betriebs an familienexterne Käufer:innen (Management-Buy-in), die Übernahme durch bestehende Führungskräfte (Management-Buy-out) oder durch Mitarbeitende (Employee-Buy-out) zunehmend an Bedeutung.
Kurz erklärt: Drei Wege zur familienexternen Nachfolge
- Management-Buy-in: Eine Person oder ein Führungsteam von außerhalb kauft einen bestehenden Betrieb.
- Management-Buy-out: Führungskräfte, die bereits im Unternehmen tätig sind, übernehmen den Betrieb.
- Employee-Buy-out: Mitarbeitende übernehmen das Unternehmen.
Wer spät plant, macht sich die Übergabe schwerer
Wo liegen aus Ihrer Sicht derzeit die größten Hürden bei Betriebsübergaben – und an welchen Punkten zeigt sich besonders häufig, dass die Vorbereitung zu spät begonnen wurde?
Prügl/Süss-Reyes: Die größten Hürden bei Betriebsübergaben liegen neben finanziellen, steuerlichen und rechtlichen Herausforderungen insbesondere auch in den emotionalen und organisatorischen Herausforderungen. Vielen Übergeber:innen fällt es schwer, Verantwortung und Kontrolle abzugeben. Gleichzeitig müssen zunächst unterschiedliche Erwartungen innerhalb der Familie geklärt werden – und das möglichst frühzeitig, danach müssen geeignete Nachfolger:innen innerhalb oder außerhalb der Familie gefunden und die entsprechenden Finanzierungsfragen gelöst werden.
Ein strukturierter Nachfolgeprozess sollte daher mindestens fünf bis zehn Jahre im Voraus angepackt werden. Häufig wird der Prozess zu spät initiiert, was die Herausforderungen noch verschärft. Eine zu späte Vorbereitung zeigt sich insbesondere dann, wenn keine klare Nachfolgestrategie vorliegt, Zuständigkeiten ungeklärt bleiben oder die Unternehmensbewertung und Finanzierung erst kurz vor der Übergabe behandelt werden.
Besonders die Suche und Einarbeitung geeigneter Nachfolger:innen sowie der schrittweise Rückzug des Übergebers bzw. der Übergeberin benötigen Zeit. Eine frühzeitige und systematische Beschäftigung mit dem Thema und eine daraus resultierende Planung sind daher entscheidend. Das kann nicht oft genug betont werden.
Praxis-Check: Wie stark hängt der Betrieb noch an dir?
Aus den Antworten der beiden Forschenden lassen sich vier Fragen ableiten, die Übergeber:innen frühzeitig prüfen können:
- Sind Kennzahlen, Abläufe und Zuständigkeiten nachvollziehbar dokumentiert?
- Können andere wichtige Entscheidungen treffen, Kund:innen betreuen und Wissen weitergeben?
- Gibt es eine realistische Bewertung und einen Plan für die Finanzierung?
- Ist klar, wie die Verantwortung Schritt für Schritt übergehen soll?
Was einen Betrieb "übergabefit" macht
Was macht einen Betrieb "übergabefit"? Welche Voraussetzungen müssen geschaffen sein, damit eine Übergabe nicht an Strukturen, Abhängigkeiten oder fehlender Vorbereitung scheitert?
Prügl/Süss-Reyes: Ein Betrieb ist dann "übergabefit", wenn er wirtschaftlich stabil, organisatorisch gut aufgestellt und möglichst unabhängig von der bisherigen Eigentümerperson ist. Entscheidend sind transparente Finanzkennzahlen, klar definierte Verantwortlichkeiten, dokumentierte Prozesse und eine nachvollziehbare – und vor allem auch realistische – Unternehmensbewertung.
Besonders wichtig ist es, Abhängigkeiten vom bisherigen Eigentümer bzw. der bisherigen Eigentümerin frühzeitig zu reduzieren. Wissen, Kundenbeziehungen und Entscheidungsbefugnisse sollten schrittweise auf (zukünftige) Führungskräfte und Mitarbeitende übertragen werden. Zudem braucht es eine zukunftsfähige Unternehmensstrategie und eine realistische Finanzierungsplanung. Wir wiederholen uns, aber es gilt: Die Übergabefähigkeit erfordert vor allem eine frühzeitige und systematische Vorbereitung.
Service: So unterstützt dich das Gründerservice
- Die kostenlose Nachfolgebörse bringt Übergeber und potenzielle Nachfolger zusammen.
- Die Roadmap "Einfach Nachfolgen" hilft, die wichtigsten Schritte im Blick zu behalten.
- Beim Nachfolgeherbst 2026 gibt es bis Ende November Workshops, Webinare und Beratungsangebote.
- Das Weiterbildungsprogramm NextGen4Austria startet im Jänner 2027 in die nächste Runde. Bewerben kannst du dich bis 27. November 2026.
Übernehmen statt neu gründen: Chance für die nächste Generation
Eine Unternehmensübernahme ist nicht nur der Abschluss eines Lebenswerks. Sie kann auch der Startpunkt für neue Ideen sein. Laut der Studie erhöhen mehr als die Hälfte der Nachfolger:innen nach der Übernahme ihre Investitionen – etwa in Modernisierung oder Digitalisierung.
Für wen kann die Übernahme eines bestehenden Betriebs eine attraktive Alternative zur Neugründung sein – und welche Fähigkeiten braucht es dafür?
Prügl/Süss-Reyes: Die Übernahme eines bestehenden Betriebs kann insbesondere für unternehmerisch denkende Fachkräfte, erfahrene Führungskräfte oder engagierte Mitarbeitende eine attraktive Alternative zur Neugründung sein. Sie bietet den Vorteil, auf bestehenden Kundenbeziehungen, eingespielten Prozessen, qualifizierten Mitarbeitenden und einer etablierten Marktposition aufzubauen. Gleichzeitig lassen sich dadurch einige typische Anlaufhürden einer Neugründung vermeiden.
Für viele Mitglieder der nächsten Generation in Familienunternehmen (Next Gen) stellt die familieninterne Nachfolge jedoch keinen Gegensatz zur eigenen Unternehmensgründung dar. Forschungsergebnisse zeigen, dass die Gründung eines eigenen Unternehmens häufig eine wichtige Station auf dem Weg zur späteren Übernahme eines Familienbetriebs sein kann (vgl. Foerch, M., & Prügl, R. (2026) & Sieger, P., Brinkerink, J., Baù, M., Karlsson, J., & De Massis (2026)).
Voraussetzung ist jedoch, dass Nachfolger:innen neben fachlichen Kompetenzen auch unternehmerisches Denken, Führungskompetenz und betriebswirtschaftliches Verständnis mitbringen. Besonders wichtig ist die Fähigkeit, bestehende Strukturen kritisch zu hinterfragen, Veränderungen umzusetzen und das Vertrauen von Mitarbeitenden und Kunden zu gewinnen. Zudem erfordert eine Übernahme ausreichend finanzielle Mittel und die Bereitschaft, Verantwortung für ein gewachsenes Unternehmen zu übernehmen.
Welche Erleichterungen es jetzt konkret braucht
Neben guter Vorbereitung im Betrieb spielen auch die rechtlichen und steuerlichen Rahmenbedingungen eine Rolle:
- Steuerliche Entlastung: Der Freibetrag für Veräußerungsgewinne soll von 7.300 auf 45.000 Euro steigen. Zusätzlich setzt sich die WKÖ für einen Sondersteuersatz von 20% und kombinierbare Begünstigungen ein.
- Mehr Eigenkapital: Ein Beteiligungsfreibetrag für privates Kapital von bis zu 100.000 Euro über fünf Jahre soll Investitionen in Betriebsübernahmen erleichtern.
- Weniger Bürokratie: Ein österreichweit einheitlicher digitaler One-Stop-Shop soll Meldungen und Verfahren bündeln. Die angekündigte Verlängerung bestimmter Übergangsfristen von drei auf fünf Jahre im Zuge der Gewerbeordnungsnovelle soll zusätzliche Zeit für die Übernahme schaffen.
Finanzierung, Steuern, Bürokratie: Wo die Grenzen liegen
Gerade bei einem Unternehmenskauf müssen Nachfolger:innen oft zwei Aufgaben gleichzeitig stemmen: den Kaufpreis finanzieren und in die Zukunft des Betriebs investieren. In der Befragung der KMU Forschung Austria sehen 70% der potenziellen Übergeber:innen die Finanzierung durch die Nachfolger:innen als Herausforderung, 66% die steuerliche Belastung. Auch bei Nachfolger:innen zählen Steuerbelastung und Investitionsbedarf zu den häufig genannten Hürden.
Welche Herausforderungen können Übergeber:innen und Nachfolger:innen selbst lösen – und an welchen Stellen braucht es bessere Rahmenbedingungen, etwa bei Finanzierung, Bürokratie oder Steuern?
Prügl/Süss-Reyes: Viele Herausforderungen bei Betriebsübergaben können Übergeber:innen und Nachfolger:innen selbst bewältigen, wobei eine Begleitung durch professionelle Beratung oftmals gewinnbringend ist. Dazu zählen insbesondere eine frühzeitige Nachfolgeplanung, die offene Kommunikation über Erwartungen, eine realistische Unternehmensbewertung sowie die schrittweise Übertragung von Verantwortung. Auch emotionale Hürden, etwa das Loslassen des Lebenswerks, müssen die Beteiligten aktiv angehen.
Bei finanziellen und steuerlichen Themen braucht es hingegen unterstützende Rahmenbedingungen. Gerade familienexterne Nachfolger:innen verfügen häufig nicht über ausreichend Eigenkapital, um einen Unternehmenskauf zu finanzieren. Hier könnten bessere Finanzierungsmöglichkeiten, Garantien und Förderinstrumente den Zugang erleichtern. Hier könnte auch mehr privates Kapital mobilisiert werden. So könnten beispielsweise Beteiligungen an Betriebsübernahmen über mehrere Jahre steuerlich absetzbar sein. Ein solcher Beteiligungsfreibetrag würde zusätzliche private Investitionen in Unternehmensnachfolgen fördern und den Zugang zu Eigenkapital erleichtern, was wiederum insbesondere bei der steigenden Zahl an familienexternen Nachfolgemodellen von zentraler Bedeutung ist.
Auch vereinfachte Verwaltungsverfahren und rechtliche Klarheit würden Übergaben erleichtern. Eine erfolgreiche Betriebsnachfolge braucht einfache und verlässliche Rahmenbedingungen. Gerade in der Übergabephase gilt es, den administrativen Aufwand für Übergeber und Übernehmer möglichst gering zu halten und einen reibungslosen Übergang zu ermöglichen. Daher gilt es, bürokratische Hürden gezielt abzubauen, Verfahren effizienter zu gestalten und die Planungssicherheit bei Betriebsübernahmen zu erhöhen.
Herzlichen Dank für das Gespräch!
Was du jetzt tun kannst
- Wenn du übergeben willst: Lege frühzeitig einen groben Zeitplan fest und kläre, wer als Nachfolger:in infrage kommt – innerhalb oder außerhalb der Familie.
- Wenn du übernehmen willst: Prüfe nicht nur den Kaufpreis, sondern auch die nötigen Investitionen, Verpflichtungen und die laufende Liquidität.
- Wenn die Übergabe konkreter wird: Bereite Unternehmenszahlen, Verträge und Prozesse auf und hol rechtliche, steuerliche und betriebswirtschaftliche Beratung dazu.