KV-Verhandlungen: Warum die Inflation täuschen kann

Welche Rolle Inflation und Produktivität bei KV-Verhandlungen spielen.


Wer diesen Beitrag lesen sollte:

  • Weiterdenker:innen
  • Wirtschaftseinsteiger:innen

Lesedauer:

3

Minuten

AutorIn: Peter Draxler

Zeichnung einer Gesprächssituation zwischen vier Personen i
OneLineStock | stock.adobe.com

Inflation und Produktivität prägen KV-Verhandlungen. Warum steigende Energie- und Rohstoffkosten Lohnerhöhungen noch schwieriger machen.

Hohe Inflation bedeutet nicht automatisch mehr Geld für Lohnerhöhungen. Bei KV-Verhandlungen zählen auch Produktivität und Kosten. In diesem Beitrag erfährst du, warum steigende Preise für importierte Energie und Rohstoffe zu zusätzlichen Herausforderungen bei den KV-Verhandlungen führen – und was die Entwicklung in Österreich zeigt.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Inflation als Verhandlungsbasis: Die rollierende Inflation ist aus Sicht der Gewerkschaften eine zentrale Grundlage für die Lohnforderungen bei Kollektivvertragsverhandlungen (KV-Verhandlungen).
  • Produktivität beeinflusst Lohnforderungen: Je stärker die Produktivität wächst, desto höher über der rollierenden Inflation liegen üblicherweise die Lohn- und Gehaltsforderungen der Gewerkschaften.
  • Hohe Inflation bedeutet nicht automatisch, dass sich Unternehmen Lohnerhöhungen auch leisten können: Während eine höhere Produktivität den Unternehmen eventuell Verhandlungsspielraum geben kann, gilt das bei importierter Inflation nicht.
  • Höhere Importpreise belasten Unternehmen: Steigende Energie- und Rohstoffpreise erhöhen die Kosten auf Seiten der Unternehmen. Selbst wenn sie womöglich einen Teil der gestiegenen Kosten an ihre Kund:innen weitergeben können, bleibt vielen Unternehmen trotz höherer Verkaufspreise schlussendlich nicht mehr Geld übrig.
  • Österreich ist mehrfach betroffen: 2022, 2023 und 2025 war diese Problematik besonders ausgeprägt. Laut WIFO-Prognose soll das auch 2026 und 2027 der Fall sein.

Alle Infos zu Kollektivverträgen

Du suchst den richtigen Kollektivvertrag für deine Branche? Alle rund 450 Kollektivverträge inklusive Lohn- und Gehaltstafeln und allen notwendigen Zusatzinfos findest du unter wko.at/kollektivvertraege.

Jetzt informieren!


Die Rolle der rollierenden Inflation bei KV-Verhandlungen

Der Herbst ist in Österreich traditionell eine wichtige Zeit für Kollektivvertragsverhandlungen. In zahlreichen Branchen wird über neue Löhne und Gehälter verhandelt. Dabei spielt auf Seiten der Gewerkschaften eine Kennzahl eine besonders wichtige Rolle: die rollierende Inflation.

Doch was hat es damit auf sich und welche Probleme ergeben sich daraus? Wir haben bei Dominik Stelzeneder, KV-Spezialist in der Abteilung für Statistik der WKÖ, nachgefragt.

Herr Stelzeneder, wenn die rollierende Inflation beispielsweise bei 3% liegt: Welche Rolle spielt diese Zahl bei KV-Verhandlungen?

Dominik Stelzeneder: Die rollierende Inflation dient den Gewerkschaften als eine zentrale Grundlage für ihre Lohnforderungen bei den KV-Verhandlungen. Die zweite wichtige Kennzahl ist das Produktivitätswachstum. Liegt die Inflation zB bei 3%, wie von Ihnen angesprochen, dann liegen die Lohnforderungen zu Verhandlungsbeginn üblicherweise bei über 3%. Je höher das Produktivitätswachstum, umso höher der "Aufschlag" auf den Wert der Inflation.

Factbox: Was ist eigentlich…?

…rollierende Inflation: Die durchschnittliche Teuerung der vergangenen zwölf Monate. Der Berechnungszeitraum verschiebt sich jeden Monat um einen Monat.

…Produktivität: Beschreibt, wie viel mit einem bestimmten Arbeitseinsatz hergestellt oder geleistet wird. Steigt die Produktivität, kann mit dem gleichen Aufwand mehr produziert oder erreicht werden.

Welche Begriffe du sonst noch kennen musst, um beim Thema Kollektivverträge mitreden zu können, erfährst du in unserem Beitrag "Kollektivvertrag: Die 7 wichtigsten Begriffe".

Wie das Produktivitätswachstum die Lohnforderungen beeinflusst

Was verbirgt sich aus statistischer Sicht hinter dem Ansatz, die Inflation und das Produktivitätswachstum für die Verhandlungen heranzuziehen?

Stelzeneder: Es gibt natürlich mehrere politische Interpretationen zu den Hintergründen dieses Ansatzes. Aus statistischer Sicht lässt sich sagen, dass eine höhere Produktivität den Unternehmen zum Teil Verhandlungsspielraum geben kann – eine höhere "importierte" Inflation hingegen nicht.

Hohe Inflation bedeutet nicht automatisch, dass sich Unternehmen Lohnerhöhungen auch leisten können 

Was sind die Auswirkungen, wenn die Inflation nicht "hausgemacht" ist, sondern vor allem deshalb steigt, weil die importierte Energie oder Rohstoffe plötzlich viel teurer werden?

Stelzeneder: Ein solcher "Sonderfall" führt zu einer besonders schwierigen Situation für viele Unternehmen.  Denn wenn die heimischen Unternehmen ihre Preise erhöhen (können), dann steigen zwar auf der einen Seite ihre Einnahmen. Auf der anderen Seite steigen aber genauso ihre Ausgaben für importierte Energie oder Rohstoffe. Die Inflation steigt aufgrund höherer Preise, den Unternehmen bleibt aber kaum mehr "im Börsel", das verteilt werden könnte – eine Situation, die bei den KV-Verhandlungen für keine Seite befriedigend ist.

Was zeigt ein Blick auf die Daten? Haben wir genau diesen "Sonderfall" in den vergangenen Jahren in Österreich erlebt?

Stelzeneder: Ja, neben den Jahren 2023 und 2024 mit negativem BIP-Wachstum war dieser "Sonderfall" auch 2022 bereits zu beobachten. Für 2026 und 2027 prognostiziert das WIFO diesen "Sonderfall" für zwei weitere Jahre.


Vielen Dank für das Gespräch!