Europäische Alternativen können Unternehmen mehr digitale Handlungsfähigkeit geben. Entscheidend sind offene Standards, praxistaugliche Lösungen und die Möglichkeit, Anbieter bei Bedarf wechseln zu können. Wir haben zwei Expert:innen zum Interview gebeten.
Das Wichtigste in Kürze:
- Digitale Souveränität bedeutet nicht völlige Unabhängigkeit, sondern die Möglichkeit, bei Software, Cloud und Daten echte Wahlmöglichkeiten zu behalten und Anbieter bei Bedarf wechseln zu können.
- Europas Abhängigkeiten sind unter anderem bei Halbleitern, Cloud-Infrastrukturen und Internetplattformen groß. Open-Source, offene Standards und europäische Alternativen können die digitale Handlungsfähigkeit stärken.
- Viele Open-Source-Lösungen sind für die Standard-IT bereits praxistauglich. Grenzen liegen vor allem bei bestehenden Prozessen, Ressourcen, spezifischer Software sowie Netzwerk- und Formateffekten.
- Unternehmen müssen nicht alles auf einmal umstellen: Ein Abhängigkeits-Check, kleine Pilotprojekte und offene Standards sind sinnvolle erste Schritte zu mehr Wahlfreiheit.
Cloud, Office-Software, Smartphones oder KI-Dienste: Viele digitale Werkzeuge, die Unternehmen täglich nutzen, stammen von wenigen Großanbietern. Das ist nicht automatisch ein Problem. Kritisch wird es dann, wenn Betriebe kaum noch entscheiden können, wie sie ihre Daten verarbeiten, welche Systeme sie einsetzen oder zu welchem Anbieter sie wechseln.
Was digitale Souveränität deshalb konkret bedeutet, wo Europas größte Abhängigkeiten liegen und welche Alternativen Unternehmen heute schon haben, erklären die beiden Expert:innen Markus Haas und Esther Görnemann im MARI€-Interview.
Wenn aus digitaler Abhängigkeit ein Problem wird
Wo begegnen dir in der Praxis Abhängigkeiten von einzelnen Software- oder Technologieanbietern und wann werden sie zum Problem für einen Betrieb?
Markus Haas: In der Praxis beginnen die Abhängigkeiten im alltäglichen Produktivitäts-Stack: E-Mail, Kontakte und Kalender, die über Exchange und Microsoft 365 laufen, die Office-Welt inkl. SharePoint bzw. Drive, die Cloud-Plattform-Ebene, KI-Dienste und Android und iOS als Quasi-Duopol für Smartphone-Betriebssysteme.
Die Abhängigkeit selbst ist selten das Problem. Das Problem entsteht stattdessen in Momenten, in denen ich eigentlich entscheiden möchte, es aber nicht mehr kann. Das sind konkret: Preis- und Lizenzänderungen, veränderte Nutzungsbedingungen, unkontrollierbare Datenabflüsse, geopolitische und regulatorische Eingriffe und der Verlust der Handlungsfähigkeit.
Kurz: Abhängigkeit ist im Moment des Funktionierens kein Problem, kann aber im Moment der Entscheidung ein großes Problem werden. Digitale Souveränität bedeutet für mich daher nicht, alle Abhängigkeiten abzuschaffen, sondern dafür zu sorgen, dass ich im entscheidenden Moment eine Wahl habe.
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Studien und Berichte zur digitalen Transformation in UnternehmenChips, Cloud, Plattformen: Wo Europa abhängig ist
Digitale Abhängigkeiten reichen von Chips über Cloud-Infrastrukturen bis zu Software, Daten und Plattformen. Wo liegen aus europäischer Sicht derzeit die kritischsten Abhängigkeiten?
Esther Görnemann: Besonders kritisch ist die Abhängigkeit bei Halbleitern. Rund 80% des europäischen Chipverbrauchs werden aus Drittstaaten importiert. Bei modernsten Chips, wie sie für KI und High-Performance-Computing benötigt werden, ist die Abhängigkeit am höchsten. Immerhin aber ist die Wertschöpfungskette global verflochten, so dass gegenseitige Abhängigkeiten entstehen. Der weltweit einzige Hersteller großer Lithographiemaschinen, mit denen man Hochleistungschips herstellt, sitzt in Europa.
In anderen Bereichen haben amerikanische Big-Tech-Unternehmen einen großen Wettbewerbsvorsprung etabliert, etwa bei Cloud-Infrastrukturen und Internetplattformen. Dem lässt sich begegnen, indem wir Plattformen regulieren, auf alternative Anbieter wechseln und als Staat die Entwicklung und den Einsatz derartiger Alternativen vorantreiben.
iOpen-Source ist längst nicht mehr nur ein Nischenthema für Spezialist:innen.
Die Alternativen sind da – aber wie praxistauglich sind sie?
Mit Proxmox, Nextcloud, LibreOffice und anderen Open-Source- oder europäischen Lösungen gibt es Alternativen zu etablierten Ökosystemen. Wie praxistauglich sind diese heute und wo liegen die Grenzen?
Markus Haas: Open-Source ist längst nicht mehr nur ein Nischenthema für Spezialist:innen. Sofort verfügbare Bausteine für den unternehmerischen Alltag sind z. B. Linux als Betriebssystem, Nextcloud als Kollaborationsplattform oder LibreOffice für die Büroarbeit.
Die möglichen Grenzen sind weniger technischer Natur als vielmehr eine Frage von Reifegrad, Aufwand und Ökosystem: der Zugang zu spezifischer Software bleibt oft hartnäckig, Netzwerk- und Formateffekte sind bereits etabliert und Betriebskompetenz und Ressourcen können fehlen.
Für einen sehr großen Teil der Standard-IT ist die Umstellung heute realistisch. Fast nie aber auf einen Schlag zu 100%, weil man die bestehenden Prozesse mitdenken muss und größere Installationen schrittweise migriert werden müssen.
iWir haben die Chance, ein robustes, innovatives europäisches Open-Source-Ökosystem aufzubauen.
Mehr Auswahl statt Lock-in: Was jetzt passieren muss
Stichwort Open-Source: Welche Hebel schaffen mehr digitale Handlungsfähigkeit und wo entstehen neue Zielkonflikte?
Esther Görnemann: Open-Source und offene Standards sind zwei der wichtigsten Hebel. Open-Source-Software kann unabhängig von Einzelanbietern frei genutzt und weiterentwickelt werden. Offene Standards erleichtern die Interoperabilität und machen es einfacher, einzelne Komponenten auszutauschen.
Es lassen sich erhebliche Summen für Lizenzgebühren einsparen: Jeder investierte Euro kann neue Wertschöpfung von rund vier Euro erzeugen. Noch stellt sich aber für viele Unternehmen die Herausforderung, dass es an Fachkräften und an Maintenance- und Supportstrukturen mangelt. Wir haben die Chance, ein robustes, innovatives europäisches Open-Source-Ökosystem aufzubauen.
Bei anderen Maßnahmen gehen die Meinungen stärker auseinander, etwa bei "Buy European"-Vorgaben. Etliche Unternehmen fordern das, andere europäische Konzerne haben enge strategische Partnerschaften mit amerikanischen Hyperscalern aufgebaut und besitzen in den USA einen wichtigen Absatzmarkt.
Anmerkung: Beim Thema "Made in Europe" haben wir uns auch schon einmal auf der MARI€ damit beschäftigt, was das für die EU bedeutet.
Kleine Schritte zu mehr digitaler Handlungsfähigkeit
Wenn ein österreichisches KMU seine digitale Abhängigkeit reduzieren möchte, aber weder eine große IT-Abteilung noch unbegrenzte Ressourcen hat: Was wäre ein sinnvoller erster Schritt?
Markus Haas: Nicht alles auf einmal ändern, sondern dort anfangen, wo der Nutzen am klarsten ist.
Erstens: Einen Abhängigkeits-Check machen. Liste auf, welche Anbieter welche Daten verarbeiten und wo es wehtun würde, wenn sich die Konditionen ändern oder der Zugriff plötzlich unterbrochen wäre.
Zweitens: Einen kleinen Piloten starten. Zum Beispiel die Datei-Synchronisation auf eine europäisch gehostete Nextcloud umstellen oder einzelne Arbeitsplätze mit Linux anstelle von Windows betreiben.
Dabei soll von Anfang an auf offene Standards geachtet werden, denn das ist der Kern von Souveränität: nicht Autarkie, sondern die Fähigkeit, jederzeit wechseln zu können.
Was besonders vielen KMU weiterhilft: Man braucht dafür keine eigene IT-Abteilung, wenn man einen verlässlichen regionalen Partner hat.
Abschließend: Was muss passieren, damit digitale Souveränität nicht bei einzelnen Vorzeigeprojekten bleibt?
Esther Görnemann: Wir sollten jetzt dauerhafte alternative Strukturen aufbauen. Je besser wir international und innerhalb Europas zusammenarbeiten, desto effektiver können wir vorangehen. Wir sollten dafür unsere Märkte weiter harmonisieren und einheitliche Regeln, Verfahren und Standards schaffen.
Wir sollten fest an unserem souveränen Recht festhalten, den digitalen Raum im Einklang mit demokratischen Werten zu regulieren. Und natürlich sollten wir unnötige Bürokratie abbauen und Regeln möglichst harmonisieren. Gute Regulierung schafft Rechtssicherheit und Vertrauen, setzt internationale Standards und hilft, die Marktmacht dominanter Plattformen zu begrenzen.