Wo Insekten Abfall zu Geld machen

Das Wiener Startup Livin Farms produziert Fliegenfarmen in großem Stil und löst damit ein weltweites Problem.


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Lesedauer:

2 Minuten

AutorIn: Eva Baumgardinger

Katharina Ungar, Gründerin von Livin Farms, in ihrer Produktionsanlage i
Christian Vorhofer

Die Idee zu "Livin Farms" kam der Industriedesignerin Katharina Unger in Hongkong. Mit ihrem Startup produziert sie aus organischen Abfällen im großen Stil essbare Insekten.

Im geschäftigen Treiben eines Hongkonger Marktes kam Katharina Unger 2013 ein Gedanke, der wenig später zur Geschäftsidee "Livin Farms" werden sollte: "Mitten in der Betonwüste wurde mir bewusst, wie komplex und fragil unser Lebensmittelsystem ist", erzählt die heute 32-Jährige. Unger, studierte Industriedesignerin, begann zu recherchieren und fand eine mögliche Antwort in Insekten als Nahrungsmittel der Zukunft, als Fleischersatz und Proteinquelle. Im Gegensatz zu konventionellen Nutztieren produzieren Insekten als "Mininutztiere" sehr geringe Emissionen, sind aber sehr gute Lieferanten von Eiweiß, Nährstoffen, ungesättigten Fettsäuren und Vitaminen. Sie benötigen wenig Fläche und können mit Stoffen gefüttert werden, die sonst verbrannt oder kompostiert werden.

So züchtet Livin Farms die Nahrung der Zukunft

Proben von Livin Farms i
LOOKAUT

Mehlwürmer und Insekten zuhause selber züchten, um sie beispielsweise dann zu essen? Mit dieser Idee hat sich Katharina Unger 2013 selbständig gemacht. Heute dreht sich in ihrem Unternehmen Livin Farms alles um das Thema "Upcycling".

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Industrielles Fliegenfarming

Mittlerweile ist Livin Farms nach Europa übersiedelt, produziert in einer 1.300 m2 großen Fabrikshalle am Wiener Stadtrand. Im Rahmen des europäischen "Green Deals" erhielt das Startup eine begehrte Förderung vom Europäischen Innovationsrat, ihre Minianlage "Hive Explorer" präsentierte Unger bei der EXPO in Dubai. Livin Farms wichtigster Investor seit Hongkonger Zeiten ist SOS Ventures, vor Kurzem räumte das Startup eine Series-A Finanzierung in Millionenhöhe ab. Statt der Mehlwürmer werden jetzt allerdings vor allem Schwarze Soldatenfliegen gezüchtet, denn "die sind robust in der Mast und können vielfältige Reststoffe viel schneller als andere Insektenlarven in hochwertiges Eiweiß umwandeln", sagt Unger.

Wir bieten Plug&Play-Anlagen mit Babylarven an, die wie ein 'industrielles Nespresso-Modell' funktionieren.

Katharina Unger
Auch die Kundschaft ist mitgewachsen. Nicht Haushalte stehen jetzt als Abnehmer im Fokus, sondern Unternehmen. "Wir vertreiben Anlagen für die industrielle Mast von Insektenlarven und die Anwendung von diesen im Bereich Heimtierfutter und Nutztierfutter", erklärt Unger. Also Anlagen für Kunden, bei denen Tausende Tonnen organische Reststoffe anfallen – bei großindustriellen Bäckereien, Stärkeproduzenten oder -verarbeitern oder bei Getreidemühlen. "Bei Pommesproduzenten zum Beispiel werden Kartoffeln, die die ästhetischen Kriterien nicht erfüllen, kostenpflichtig in Biogasanlagen entsorgt oder kompostiert. Wir bieten für diese Fälle unsere Plug&Play-Anlagen mit Babylarven an, die wie ein ‚industrielles Nespresso-Modell‘ funktionieren."

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Am 10. und 11. Mai rückt die AUSSENWIRTSCHAFT AUSTRIA mit den GreenTech Days die Themen Umwelttechnik, erneuerbare Energien, Energieeffizienz und Green Building in den Fokus. Der Kongress findet als Hybrid-Veranstaltung online und im Haus der Wirtschaft (Wiedner Hauptstraße 63, 1045 Wien) statt.

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Fette Fliegenlarven als Futtermittel

An den Abfällen fressen sich die Fliegenlarven fett, können so geerntet und als Futtermittel für Schweine, Fische und Hühner verkauft werden. Das ist umweltverträglicher als viele andere Fütterungsoptionen, etwa Fischmehl oder -öl, deren Produktion zur Überfischung der Meere beiträgt. Der Kot der Fliegen wird als Dünger verwendet. "Die Larve der Schwarzen Soldatenfliege ist für den Futtermittelbereich zugelassen. Die Zulassung im Lebensmittelbereich auf europäischer Ebene ist in der Pipeline", erzählt Unger.

Das Thema "Future Food Integrity" beschäftigte sie seit Studienzeiten. "Meine Eltern haben einen Biobauernhof im Südburgenland, mein Opa war Müller. Zum Thema Nahrungsmittel verband mich immer eine Nähe." Nach ihren ersten Berufsjahren als Industrial Designerin kam sie dann auch an einen Punkt, an dem sie sich fragte, "ob ich wirklich weiterhin Kopfhörer designen möchte, die geplantermaßen nach zwei Jahren kaputtgehen" und sich deshalb beruflich neu ausrichtete. 

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Mehr Muskeln dank Insekten

Insektenproteine als funktionale Zusatzstoffe in Lebensmitteln, das werde "in fünf bis zehn Jahren sowieso kommen", zum Beispiel als Proteinpulver oder als Ersatz für Palmfett, ist Unger überzeugt. Im Nahrungsmittelbereich für Menschen sieht Unger neben Europa vor allem die USA als Primärmarkt. "Im Bereich Humanernährung gibt es dort sehr viel Offenheit und Experimentierfreudigkeit. Bei Bodybuilding und Fitness ist die Bereitschaft groß, zusätzliche Inhaltsstoffe zu konsumieren, die fitter machen. Das Konsumverhalten ist in Amerika einfach extremer."