"Bidens China-Politik bleibt ein Risiko"

WKÖ-Wirtschaftsdelgierter Michael Friedl im Interview über Erwartungen an den neuen US-Präsidenten und mögliche Chancen für österreichische Unternehmen.


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7 Minuten

AutorIn: Peter Draxler

Freiheitsstatue in  New York i
unsplash.com/Parshva Shah

Diese Chancen und Herausforderungen bieten sich für heimische Unternehmen in den USA unter US-Präsident Joe Biden.

Mit seiner Politik hat US-Präsident Donald Trump in den vergangenen vier Jahren nicht zuletzt auch im Bereich der internationalen Wirtschaft immer wieder für gehöriges Aufsehen gesorgt. Am 21. Jänner ist mit Joe Biden ein neuer US-Präsident ins Weiße Haus eingezogen. Was wir von ihm in den kommenden Jahren zu erwarten haben und wo die Chancen für österreichische Unternehmen liegen - das haben wir Michael Friedl, den WKÖ-Wirtschaftsdelegierten in New York, gefragt.


"Herr Friedl, Sie sind seit September 2014 als WKÖ-Wirtschaftsdelegierter in New York im Einsatz, Joe Biden ist damit Ihr dritter US-Präsident. Wie stark ist Ihrer Erfahrung nach der Einfluss des Präsidenten auf die Wirtschaftspolitik der USA?"

Michael Friedl:
Der Präsident gibt natürlich die strategische Richtung vor, allein schon durch die Besetzung der wichtigsten Positionen in seinem Kabinett und auch durch Präsidialerlässe, von denen Präsident Biden in den ersten Tagen ja schon eine ganze Reihe unterzeichnet hat. Aber Wirtschaftspolitik wird in den USA auch viel in den einzelnen Bundesstaaten gemacht, ja sogar in Bezirken und Städten, da diese eigene Kompetenzen im Bereich Steuerpolitik, Mindestlöhne, Umweltregulierungen, Incentives und vieles mehr haben. Die großen Rahmenbedingungen kommen jedoch klarerweise aus Washington DC, nicht nur aus dem Weißen Haus, sondern vor allem auch aus dem Kongress.


"Die USA sind seit Donald Trumps auf wirtschaftspolitischem Konfrontationskurs mit China. Sehen Sie das als Risiko für die österreichische Wirtschaft oder als Chance? Wie soll Österreich sich hier Ihrer Meinung nach verhalten?"

Der Wettbewerb zwischen China und USA hat sich gerade in den letzten Jahren durch Strafzölle, erweiterte Sanktionen und Zugangsbeschränkungen für Investitionen zu einem regelrechten Konflikt ausgeweitet. Biden hat hier zwar einen diplomatischeren und freundlicheren Stil, zum Schutz der eigenen Wirtschaft wird er aber einige handelspolitische Maßnahmen von Trump weiterführen. Das bleibt auch ein Risiko für Österreich, vor allem was mögliche Sanktionen und die Lieferketten betrifft. Er könnte aber mit China sogar eine Art Partnerschaft gegen den Klimawandel bilden, denn da gibt es ähnliche Zielsetzungen und technologische Entwicklungen. Grundsätzlich sind wir hier von der Politik und den wirtschaftlichen Interessen näher bei den USA. Ich sehe das auch als Chance, da unsere Unternehmen viel technisches Know-how und ökologische Kompetenzen haben und auch in anderen Märkten anbieten können.  Auch in den USA können wir da vorne mit dabei sein.

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"Welche Veränderungen erwarten Sie sich von der US-Wirtschaftspolitik unter Präsident Joe Biden?"

Präsident Biden hat derzeit vor allem drei Prioritäten, die Pandemiebekämpfung, die Wirtschaft wieder hochzufahren und langfristig Arbeitsplätze zu sichern. Dafür möchte er sofort im Kongress Hilfspakete in Höhe von fast 2 Billionen US-Dollar durchbringen. Die Wirtschaft soll mit einer technologisch verfeinerten und nachhaltigen industriellen Basis wieder aufgebaut werden. Dazu dienen auch Regierungsaufträge im Infrastruktursektor, vor allem was den Ausbau der Schiene und des öffentlichen Verkehrs sowie Kommunikation betrifft. Klimaschutz gilt als eine oberste Priorität, die auch nachhaltig im Bereich der erneuerbaren Energie gut bezahlte Jobs schaffen soll. Geplant sind auch Erhöhungen der Körperschaftssteuer und der Einkommenssteuer für höher Verdienende.

"Welche Chancen können sich dadurch für österreichische Unternehmen in den USA ergeben?"

Die von der Administration Biden geplanten Schwerpunkte in den Bereichen Infrastrukturausbau, Verbesserung des Gesundheitswesens, nachhaltige und grüne Energiequellen sowie Modernisierung der Industrie betreffen alle Stärkefelder der österreichischen Industrie. Seien es Tunnelbauer und Schienenlieferanten beim Ausbau des Eisenbahnnetzes und öffentlichen Verkehrs, Anbieter von Technologie für Windenergie oder digitale Medizinlösungen sowie Lieferanten von Lösungen im Bereich nachhaltige Verpackung und Fabriken der Zukunft. Hier sind wir als kompetente Nischenplayer jetzt schon mit beiden Beinen fest im Markt.

 

"Der Export hat Österreich während der Krise am Laufen gehalten. Welche rot-weiß-roten Erfolgsgeschichten aus den USA sind Ihnen vom letzten Jahr in Erinnerung?"

Österreich hat zwar einen Rückgang von über 11 % bei den Exporten beim zweitwichtigsten Handelspartnern hinnehmen müssen, aber die Zahlen haben sich in den letzten Monaten wieder verbessert. Einige der Unternehmen waren im letzten Jahr als „essential business“ eingestuft, z.B. im Bereich Sicherheit und Infrastruktur und konnten die Umsätze sogar erhöhen. Im Covid-Jahr wurde eine der größten Investitionen der letzten Jahre eröffnet, ein hochmodernes Spanplattenwerk von EGGER in North Carolina für die Möbelindustrie. Mit über einer halben Milliarde US-Dollar Investment und einem eigenen dualen Ausbildungsprogramm im ruralen Nordteil des Bundesstaates wird schon erfolgreich produziert und die lokale Industrie versorgt. Der Caterer Do & Co konnte sich gerade einen Exklusivauftrag über 10 Jahre für die größte US Airline DELTA am Knotenpunkt Detroit sichern, wahrscheinlich kommen da noch mehr dazu. Und auch im Start-up und Dienstleistungsbereich gibt es Erfolgsmeldungen, sei es bei Lösungen für Cloud Services, virtuellen Meetings oder beim Zugang zu aktuellen Daten in Firmenregistern.