Nahost-Eskalation: Was jetzt für Verträge zählt

Eskalation, Lieferketten, Verträge: Was Unternehmen jetzt prüfen sollten.


Wer diesen Beitrag lesen sollte:

  • Wissenshungrige
  • Exporteur:innen

Lesedauer:

4

Minuten

AutorIn: Peter Draxler

Verträge, im Hintergrund ein Mann mit Anzug, ki-generiert i
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Die Eskalation im Nahen Osten erhöht den Druck auf Exporte, Lieferketten und laufende Verträge. Was betroffene Betriebe jetzt prüfen sollten.

Die neue Eskalation im Nahen Osten ist nicht nur ein geopolitisches Thema. Für österreichische Unternehmen ergeben sich daraus ganz praktische Fragen: Wie stabil sind laufende Geschäfte? Wo entstehen neue Risiken in Transport und Lieferkette? Und was bedeutet das für bestehende Verträge? Seit Ende Februar hat sich die Lage deutlich verschärft. Gleichzeitig ist klar: Die Auswirkungen sind je nach Land, Branche und Geschäftsmodell sehr unterschiedlich.

Was heißt das für Österreich?

Der Nahe Osten ist für Österreich kein Randmarkt. Laut aktuellen Außenwirtschaftsdaten gingen 2024 Waren im Wert von 2,8 Milliarden Euro in die Region. Besonders stark waren die VAE mit 816,1 Millionen Euro und Saudi-Arabien mit 798,4 Millionen Euro. Gerade die Golfregion hat für heimische Exporteure zuletzt deutlich an Gewicht gewonnen.

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Das heißt auch: Selbst wenn einzelne Märkte offen bleiben, können Transport, Projektabwicklung und Kalkulation rasch schwieriger werden. Wie sich das vor Ort anfühlt, schildert Johannes Brunner, WKÖ Wirtschaftsdelegierter in Abu Dhabi: "Die letzten Tage in den VAE waren von iranischen Raketen- und Drohnenangriffen geprägt, die aber durch effektive Luftverteidigungssysteme weitgehend abgewehrt wurden. Trotz vorübergehender Schließungen von Börsen und Flughäfen läuft die Wirtschaft vorerst weitgehend normal weiter, zum Teil mit Remote-Arbeit als Schutzmaßnahme." Das AußenwirtschaftsCenter Abu Dhabi unterstütze österreichische Unternehmen vor Ort und Geschäftsreisende vor allem mit Informationen zu Ausreisemöglichkeiten während der Luftraumsperre. 

Gerade dieser Punkt ist für Unternehmen wichtig: Nicht jeder Markt kommt sofort zum Stillstand. Aber selbst dort, wo das wirtschaftliche Leben weiterläuft, können Luftraumsperren, Sicherheitsmaßnahmen und Ausweichlösungen die operative Planung massiv verändern.

FACTBOX: Wie ist Österreichs Exportwirtschaft aktuell in der Region aufgestellt?

  • Die Einnahmen aus den bisher hohen Rohstoffpreisen wurden langfristig in der Region investiert, was sich in massiven Zuwächsen der österreichischen Exporte nach Saudi-Arabien in den vergangenen Jahren auswirkte. Unterschiedlich war die Entwicklung im vergangenen Exportjahr: So verzeichneten die Vereinigten Arabischen Emirate im Vorjahr wieder ein starkes Plus (+9,2%), während die Ausfuhren nach Saudi Arabien nachgaben (-15%) – allerdings nach jeweils kräftigen Steigerungen in den Jahren davor (2023:+12%; 2024: +49%).
  • Den Nahen und Mittleren Osten beliefern rund 2.750 österreichische Warenexporteure, am meisten Exporteure sind mit rund 1.450 in den Vereinigten Arabischen Emiraten aktiv.
  • In der Region sind sowohl kleine als auch große österreichische Betriebe aktiv: Mehr als 1.200 Exportunternehmen in der Region beschäftigen bis zu 10 Mitarbeiter:innen, über 400 haben mehr als 250 Beschäftige.
  • Zudem betreiben etwa 270 österreichische Unternehmen Niederlassungen in der Region.
  • Maschinen, Fahrzeuge, Pharmazeutische Erzeugnisse, Eisen und Stahl machen mehr als zwei Drittel (65%) der österreichischen Gesamtexporte in die Region aus.
  • In den vergangenen zehn Jahren konnte Österreichs stärkster Exportzeig "Maschinenbauerzeugnisse und Fahrzeuge" um mehr als 6% zulegen, ein kräftiges Plus gab es auch bei den Bearbeiteten Waren und Chemischen Erzeugnissen mit jeweils über 40%.

Wie die Stimmung vor Ort ist

Auch die Stimmung in der österreichischen Business Community ist laut Brunner von hoher Aufmerksamkeit geprägt. Die Lage werde sehr genau beobachtet, Notfallpläne würden aktiviert. Gleichzeitig beschreibt er eine starke Solidarität zwischen Emiratis und Expats. Die Maßnahmen der Regierung zur Sicherheit aller Menschen im Land würden breit unterstützt. Trotz der angespannten geopolitischen Lage herrschten in den VAE weiterhin Zuversicht und Vertrauen in die staatlichen Strukturen.

Zusammengefasst: Die Lage ist ernst, aber sie wird vor Ort nicht als völliger Kontrollverlust erlebt. Genau diese Mischung aus Anspannung, Sicherheitsdenken und institutioneller Stabilität ist für Unternehmen in der Region derzeit prägend.

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Trotz vorübergehender Schließungen von Börsen und Flughäfen läuft die Wirtschaft vorerst weitgehend normal weiter, zum Teil mit Remote-Arbeit als Schutzmaßnahme.

Johannes Brunner, WKÖ Wirtschaftsdelegierter in Abu Dhabi

Was heißt das für bestehende Verträge?

Hier gilt vor allem eines: Force Majeure (Höhere Gewalt) ist kein Automatismus. Das einschlägige Infoblatt zur höheren Gewalt hält fest, dass Klauseln dieser Art grundsätzlich dann greifen können, wenn ein außergewöhnliches Ereignis von außen auf den Betrieb einwirkt, nicht regelmäßig zu erwarten ist und auch bei äußerster zumutbarer Sorgfalt nicht verhindert werden kann. Außerdem muss das Ereignis ursächlich dafür sein, dass die vereinbarte Leistung nicht mehr erbracht werden kann. 

Für Unternehmen heißt das: Ein Krieg oder eine akute Kriegsgefahr kann ein Fall höherer Gewalt sein. Aber daraus folgt nicht automatisch, dass Pflichten entfallen oder Verträge einfach ruhen. Entscheidend ist die Einzelfallprüfung. 

Ebenso wichtig ist die Frage, welches Recht auf den Vertrag anwendbar ist. Bei internationalen B2B-Verträgen hängt das von mehreren Kriterien ab, etwa vom Sitz der Vertragspartner, von einer allfälligen Rechtswahl und davon, ob etwa UN-Kaufrecht zur Anwendung kommt. Auch der Gerichtsstand spielt mit hinein. Wer nur auf das Schlagwort „höhere Gewalt“ schaut, greift daher zu kurz.

Was heißt das konkret für Unternehmen?

Jetzt ist nicht Alarmismus gefragt, sondern ein nüchterner Check der eigenen Risiken. Wer in der Region aktiv ist, sollte vor allem dort hinschauen, wo sich operative Probleme rasch in Vertragsprobleme verwandeln können.

Diese Punkte solltest du jetzt prüfen:

  • Verträge checken: Gibt es eine Force-Majeure-Klausel? Was steht dort zu Fristen, Meldungen und Nachweisen?
  • Anwendbares Recht klären: Gerade bei internationalen Verträgen ist das zentral.
  • Lieferketten bewerten: Wo gibt es Abhängigkeiten bei Transport, Vorprodukten, Lagerhaltung oder Versicherung?
  • Störungen dokumentieren: Verzögerungen, Ausfälle und behördliche Maßnahmen solltest du sofort sauber festhalten. Das kann später entscheidend werden.
  • Partner:innen früh kontaktieren: Offene Kommunikation senkt das Risiko späterer Konflikte.
  • Szenarien rechnen: Was bedeutet eine Verzögerung von zwei Wochen? Was passiert bei höheren Kosten oder ausfallenden Routen?

Mehr Antworten findest du in den FAQ am INFOPOINT NAHOST der WKÖ.

Die Region im Nahen Osten wird auch nach der aktuellen Eskalation wirtschaftlich relevant bleiben. Gerade die Golfstaaten waren bisher für österreichische Unternehmen wichtige Märkte. Aktuell liegen Chancen und Risiken enger beieinander als noch vor wenigen Wochen. Der richtige Zugang ist daher weder Dramatisierung noch Verharmlosung, sondern ein sauberer Realitätscheck: Verträge prüfen, Lieferwege bewerten und geopolitische Risiken stärker in die operative Planung holen.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Der Nahe Osten war schon vor der aktuellen Eskalation wirtschaftlich sehr unterschiedlich aufgestellt. Vor allem die Golfregion blieb für Österreich ein wichtiger Exportmarkt, während Iran bereits zuvor wirtschaftlich unter Druck stand.
  • 2024 exportierten österreichische Unternehmen Waren im Wert von 2,8 Milliarden Euro in den Nahen Osten. Besonders wichtig sind die Vereinigten Arabischen Emirate und Saudi-Arabien.
  • Wer in der Region aktiv ist, sollte jetzt prüfen, wo sich operative Probleme rasch in Vertragsprobleme verwandeln können.
  • Vertragsklauseln über Force Majeure (Höhere Gewalt) greifen nicht automatisch.
  • Entscheidend sind der konkrete Vertrag, das anwendbare Recht und die Frage, ob die Leistung tatsächlich unmöglich geworden ist.