Neu an der Spitze: Vertrauen statt Kontrolle

Wie neue Führung gelingt, ohne Bewährtes aufzugeben.


Wer diesen Beitrag lesen sollte:

  • Entrepreneur:innen
  • Weiterdenker:innen

Lesedauer:

4

Minuten

AutorIn: Gloria Eder

Ein roter Papierflieger vor einer Gruppe weißer Papierflieger, alle nach rechts oben ausgerichtet, auf blauem Grund. i
Djony | stock.adobe.com

Wer die Führung eines bestehenden Unternehmens übernimmt, muss Vertrauen gewinnen und zugleich Veränderungen ermöglichen. Thetwif Moser, CEO von MatchingNeeds, erzählt, was sie dabei gelernt hat. 

Das Wichtigste in Kürze: 

  • Zuerst verstehen: Einzelgespräche helfen, Erwartungen und funktionierende Abläufe kennenzulernen. 
  • Verantwortung abgeben: Größere Teams brauchen klare Strukturen und Vertrauen statt Mikromanagement.
  • Veränderungen erklären: Wer das Warum kennt, kann neue Lösungen mitgestalten. 
  • Eigenen Stil finden: Unternehmenswerte bewahren heißt nicht, den Führungsstil der Vorgänger zu kopieren. 

Nachfolge: Führung beginnt nicht mit dem neuen Titel 

Neue Geschäftsführung, vertrautes Team: Eine Unternehmensnachfolge verändert nicht nur Zuständigkeiten. Mitarbeitende und Kund:innen müssen sich auf eine neue Führung einstellen.

Wie gelingt das, ohne Bewährtes über Bord zu werfen? 

Was bei einer Unternehmensnachfolge grundsätzlich wichtig ist, haben wir bereits mit zwei Forscher:innen der WU Wien beleuchtet. 

Jetzt schauen wir auf die Personen dahinter: Thetwif Moser kennt beide Seiten. Im Grazer Familienunternehmen axtesys entwickelte sie sich von der Programmiererin zur Teamleiterin. Seit März 2026 ist sie CEO von MatchingNeeds. Langfristig soll sie auch axtesys übernehmen. Wie du dich auf eine Unternehmensnachfolge vorbereitest und deinen eigenen Führungsstil entwickelst, erfährst du im MARI€-Interview mit ihr! 


Führung lernen – im Familienbetrieb und darüber hinaus 

Du hast im Familienunternehmen ein Team von sechs auf knapp 25 Personen vergrößert. Was hat dich das über Führung gelehrt? 

Moser: Mir sind Nähe, enger Austausch und gegenseitiges Vertrauen sehr wichtig – unabhängig von der Teamgröße. Ich habe auch gelernt, dass Micro-Management das Wachstum bremst und Führung vor allem bedeutet, andere zu befähigen. Zuerst war ich sehr stark im operativen Tagesgeschäft verankert, danach waren immer mehr strategische Planung, Teamentwicklung und das Schaffen von Rahmenbedingungen gefordert, in denen mein Team eigenverantwortlich arbeiten kann. 

Warum wolltest du außerhalb des Familienunternehmens arbeiten? 

Moser: Ich wollte mehr Einblicke darin gewinnen, wie andere Unternehmen gewisse Prozesse und Strukturen aufbauen, und einen neuen Blickwinkel gewinnen, um diesen wiederum in unser Familienunternehmen einzubringen. Außerdem war es mir wichtig, zu wissen, was meine Leistung ohne den "Familienbonus" oder vorgeprägte Erwartungen wert ist und ob ich schon bereit für die Nachfolge bin. Am wertvollsten waren für mich die neuen Perspektiven auf Prozesse, Unternehmenskultur und Innovation.  

Kurz erklärt: Warum sich der Blick von außen lohnt 

Wer vor der Unternehmensnachfolge in einem anderen Betrieb arbeitet, lernt neue Abläufe, Unternehmenskulturen und Führungsstile kennen. Diese Erfahrungen können helfen, eingefahrene Strukturen im Familienunternehmen zu hinterfragen und neue Ideen einzubringen.

Gleichzeitig bietet ein Job außerhalb der Familie die Chance, die eigenen Fähigkeiten unabhängig vom Familiennamen unter Beweis zu stellen. 

Thetwif Moser Portraitbildi
WKÖ/DMC

Niemand erwartet Perfektion, aber Ehrlichkeit und Neugier.

Thetwif Moser

Erst zuhören, dann verändern 

Bei MatchingNeeds hast du eine Nachfolgerolle übernommen. Was war schwieriger als erwartet? 

Moser: Ich hatte die Erwartung, dass es sehr schnell gehen wird, und habe gelernt, dass alles seine Zeit benötigt und Dinge nicht übereilt werden sollten. Auch der Balanceakt zwischen dem Respekt vor bestehenden Strukturen und dem Wunsch, Dinge zu verändern, ist eine Herausforderung. 

Wie gewinnst du das Vertrauen eines eingespielten Teams? 

Moser: Durch sehr viel Zuhören und den Mut, zuzugeben, wenn man etwas nicht weiß. Niemand erwartet Perfektion, aber Ehrlichkeit und Neugier. In den ersten Monaten habe ich einen starken Fokus auf Einzelgespräche gelegt, um zu verstehen, was dem Team wirklich wichtig ist, wo Änderungen notwendig sind und was unbedingt bestehen bleiben soll. Danach gilt es, gegebene Versprechen verlässlich einzuhalten und den Mitarbeitenden viel Wertschätzung entgegenzubringen. 

Welche Rolle spielen langjährige Kundenbeziehungen bei einer Nachfolge? 

Moser: Gute Kundenbeziehungen zu pflegen, ist eine der Grundsäulen, auf denen eine erfolgreiche Unternehmensnachfolge steht. Schon während der Übergangsphase von MatchingNeeds habe ich die Bestandskund:innen oft bei ihnen vor Ort besucht, mit ihnen die Zukunftspläne besprochen und ihnen klargemacht, dass sich an der bestehenden exzellenten Qualität und Geschwindigkeit nichts ändern wird. Diesen Ansatz werde ich auch bei der Nachfolge im Familienunternehmen axtesys weiterverfolgen. 

Bereit für die Nachfolge? Diese Services helfen dir

Ein Unternehmen zu übernehmen bedeutet mehr, als eine neue Führungsrolle einzunehmen. Auch rechtliche, finanzielle und organisatorische Fragen wollen geklärt sein.

Hier findest du Unterstützung:

  • WKO-Services zur Betriebsübergabe: Wo fängst du am besten an? Hier findest du Beratungsangebote, Checklisten und praktische Tools für deine Nachfolge.
  • Leitfaden zur Betriebsnachfolge: Was solltest du vor der Übernahme beachten? Der Leitfaden hilft dir, die wichtigsten Fragen Schritt für Schritt zu klären.
  • NextGen4Austria: Fit für die neue Rolle? Das Weiterbildungsprogramm vermittelt Praxiswissen zu Unternehmensführung und Nachfolge und bietet Austausch mit anderen angehenden Unternehmer:innen.
Alle Infos findest du hier!

Veränderungen gemeinsam gestalten 

Wie stößt du Veränderungen an, ohne funktionierende Abläufe oder die Motivation des Teams zu gefährden? 

Moser: Durch starke Einbindung der Mitarbeitenden – bereits im Vorfeld kläre ich mit ihnen ab, welche Veränderungen aus meiner Sicht notwendig sind, und bitte sie um ihre Meinung dazu. Dabei ist vor allem wichtig, klar darzulegen, was das Ziel einer Veränderung ist – Dinge nur um der Veränderung willen anzupassen, empfehle ich nicht. Dann ziehen alle an einem Strang, um das Ziel zu erreichen – oft fallen den Mitarbeitenden sogar bessere Ideen für die Veränderungen ein, die das Ziel noch greifbarer machen. 

Der entscheidende Punkt: Nicht jede bestehende Struktur muss verändert werden. Wer ein klares Ziel benennt und das Team einbindet, kann Bewährtes erhalten und trotzdem Neues ermöglichen. 

Wie findest du deinen eigenen Weg? Welche Rolle spielen Unterschiede zwischen Generationen und Geschlechtern? 

Moser: Ich unterscheide zwischen Werten und Methoden – die Grundwerte des Unternehmens übernehme ich in voller Überzeugung, bei Führungsmethoden und Alltagsstrukturen gehe ich meinen eigenen Weg. Hierzu hinterfrage ich die bestehenden Strukturen und tausche mich sehr viel mit anderen Unternehmer:innen aus, um von ihnen zu lernen und mir die Dinge mitzunehmen, die zu mir und dem Unternehmen passen. 

Die Unterschiede sind deutlich wahrnehmbar, ich sehe sie jedoch als Chance, um mich von der bestehenden Führung abzugrenzen und zu zeigen, dass es auch anders geht. Wichtig ist es, authentisch zu bleiben. Dann lassen sich bestehende Vorurteile schnell abbauen. 

Welche drei Dinge empfiehlst du Menschen, die erstmals ein bestehendes Unternehmen führen? 

Moser: Es ist schwierig, das auf drei Dinge zu beschränken, doch ich glaube, am wichtigsten sind zum einen das Zuhören, das Fragenstellen und das Verstehen – nicht nur im Umgang mit Mitarbeitenden, sondern auch mit Kund:innen. Außerdem würde ich empfehlen, von Anfang an klar und transparent zu kommunizieren, auch wenn es sich um schwere Themen handelt. Schlussendlich empfehle ich, authentisch zu bleiben und den Menschen zu zeigen, wer man wirklich ist.

Du bist in einer neuen Führungsrolle? Was du jetzt tun kannst 

  • Führe zunächst Einzelgespräche mit Mitarbeitenden und wichtigen Kund:innen.
  • Frage, was gut funktioniert und wo Veränderungen notwendig sind.
  • Erkläre anschließend deine Ziele und beziehe das Team in mögliche Lösungen ein.
  • Kläre schließlich Zuständigkeiten, damit Entscheidungen nicht dauerhaft bei dir hängen bleiben.