2025 legten Österreichs Exporte in die Ukraine um 16,7% zu. Der Wiederaufbau läuft – in Energie, Verkehr und Maschinenbau. Der Ukraine Servicepoint hilft beim Einstieg.
Vier Jahre Krieg – und Österreichs Unternehmen bleiben in der Ukraine aktiv. 2025 stiegen die Exporte laut WKÖ-Schätzung um 16,7 % auf rund 770 Mio. Euro. Im Interview erklärt David Bachmann, WKÖ-Wirtschaftsdelegierter in Kyjiw, wo der Bedarf im Wiederaufbau jetzt schon konkret ist – und wie der Ukraine Servicepoint in Wien heimische Unternehmen unterstützt.
MARIE: Herr Bachmann, vier Jahre Krieg – und trotzdem bleiben österreichische Unternehmen in der Ukraine aktiv. Was treibt sie an?
David Bachmann: Viele Unternehmen haben sich auf die Lage eingestellt. Vor allem größere Betriebe sind geblieben, aber auch zahlreiche KMU halten ihre Beziehungen aufrecht. Die Ukraine ist ein wichtiger Partner – und wer vor Ort ist, sieht: Wirtschaft findet statt. Und Wiederaufbau ebenso.
Ukraine: Österreichs Exporte steigen trotz Krieg
Die Zahlen sind überraschend: 2025 plus 16,7% Exporte, rund 770 Mio. Euro. Wie erklären Sie sich das?
Bachmann: Ein Faktor ist die überraschend robuste wirtschaftliche Entwicklung, angetrieben von einer starken Binnennachfrage. Die Wirtschaft ist 2025 um 2% gewachsen, für 2026 prognostiziert der IWF sogar 4,5%. Das basiert allerdings auf einem Nachlassen der Kampfhandlungen und genau hier liegt die große Unbekannte. Dazu kommt: Österreichische Unternehmen liefern genau jene Produktgruppen, die wegen der Kriegszerstörungen gebraucht werden – etwa pharmazeutische Produkte oder Generatoren.
Wiederaufbau läuft schon jetzt: Was das konkret heißt
Sie sagen, der Wiederaufbau findet seit vier Jahren statt. Wie muss man sich das vorstellen?
Bachmann: Wiederaufbau ist nicht nur ein "Nach dem Krieg"-Thema. Er passiert seit vier Jahren – und zwar mit großer internationaler Hilfe. Das ist Geld, das tatsächlich in die Ukraine fließt, etwa über internationale Finanzinstitutionen wie Weltbank, Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung und viele andere. Seit dem Auslassen der Hilfen der USA im Februar 2025 ist die EU mit Abstand der größte Geldgeber.
TIPP: Nutze den Ukraine Servicepoint!
Der Ukraine Servicepoint ist eine gemeinsame Initiative von go-international (Bundesministerium für Wirtschaft, Energie und Tourismus sowie WKÖ). Unternehmen erhalten dort aktuelle Informationen zu Projekten und Ausschreibungsmodalitäten sowie zu Finanzierungs- und Fördermöglichkeiten.
So nutzt du den Ukraine Servicepoint:
- Interesse vormerken und Zusendungen zu Veranstaltungen erhalten.
- Im Feld "Kommentar" dein Projektinteresse beschreiben und angeben, ob und wie du vom go-international Ukraine Servicepoint kontaktiert werden möchten.
Viele hören "Wiederaufbau" und denken sofort an riesige Geldsummen. Wie realistisch ist das?
Bachmann: Wir alle hoffen, dass der Krieg rasch endet. Dann wird der Wiederaufbau ein Megaprojekt, weil der Bedarf gigantisch ist. Aber die vielfach kolportierten 530 Mrd. Euro beschreiben das Investitionspotenzial. Viele Unternehmen überschätzen die Summen, die sofort verfügbar sind. Gleichzeitig darf man die Chancen nicht unterschätzen.
Die größten Hürden vor Ort: Stromausfälle und Arbeitskräftemangel
Was ist aktuell der größte "Business-Stopper" für Unternehmen vor Ort?
Bachmann: Ganz klar: die zerstörte Energieinfrastruktur und Stromausfälle. Dicht dahinter kommt der Arbeitskräftemangel – als Folge des Militäreinsatzes oder der Abwanderung. Rund ein Drittel hat das Land verlassen: Vor dem Krieg lebten 45 Millionen Menschen in der Ukraine, jetzt sind es nur noch etwa 32 Millionen.
iWir sind seit Ausbruch des Krieges ohne Unterbrechung im Einsatz. Pro Jahr stehen unsere Expert:innen mit rund 300 österreichischen Unternehmen in Kontakt, die eine Geschäftstätigkeit mit der Ukraine haben.
Wie unterstützt das AußenwirtschaftsCenter Kyjiw österreichische Unternehmen ganz konkret?
Bachmann: Wir sind seit Ausbruch des Krieges ohne Unterbrechung im Einsatz. Pro Jahr stehen unsere Expert:innen mit rund 300 österreichischen Unternehmen in Kontakt, die eine Geschäftstätigkeit mit der Ukraine haben. Besonders stark nachgefragt ist Unterstützung beim Krisenmanagement – etwa wenn Mitarbeiter:innen vom Militär eingezogen werden. Oder wenn es darum geht, die richtigen Ansprechpersonen in Ministerien und Verwaltung zu identifizieren und zu kontaktieren. Sehr oft helfen wir Unternehmen auch dabei, bei Projekten für den Wiederaufbau "reinzukommen". Zusätzlich führen wir Sanktionsprüfungen durch, weil bestimmte ukrainische Unternehmen von Russland-Sanktionen betroffen sein können. Und wir begleiten auch Betriebe, die den Schritt in den ukrainischen Markt erst planen.
Was heißt das für Österreich?
- Die Ukraine bleibt – trotz Krieg – ein wichtiger Handelspartner. Der Exportanstieg 2025 zeigt: Nachfrage besteht, und österreichische Produkte sind gefragt.
Der Wiederaufbau ist bereits Realität: Wer heute seriös Netzwerke, Partner und Ausschreibungs-Know-how aufbaut, kann sich für spätere Großprojekte besser positionieren.
Welche Branchen besonders profitieren können
In welchen Bereichen ist österreichisches Know-how derzeit besonders gefragt?
Bachmann: Drei Sektoren stechen heraus: Erstens Verkehrsinfrastruktur: Der Aufholbedarf bei Straßen und vor allem beim Bahnausbau ist groß. Gerade beim Bahnausbau ist die heimische Exportwirtschaft Weltmarktführer. Das hängt auch mit der strategischen West-Orientierung der Ukraine zusammen – die Verbindungen in diese Richtung sind historisch bedingt noch unzureichend ausgebaut.
Zweitens Energie: Österreichische Firmen bringen ihr Know-how vor allem bei der Wasserkraft ein. Besonders gefragt sind Kleinkraftwerke, weil sie weniger anfällig für Bombardierungen sind.
Und drittens Maschinenbau und Agrartechnik: Hier gibt es großes Potenzial – sowohl in der Produktion als auch bei Landwirtschaftsmaschinen. Die Ukraine ist ein Agrarland: Die nutzbare Landwirtschaftsfläche entspricht der Größe Österreichs. Sie liefert rund 6% des weltweiten Kalorienbedarfs, etwa 40 % der ukrainischen Exporte kommen aus der Landwirtschaft.
Gibt es aus Ihrer Sicht auch positive Entwicklungen, die Unternehmen direkt spüren?
Bachmann: Österreich ist nach wie vor stark vertreten – neben dem Gesundheitsbereich auch bei Banken und Versicherungen. Ein konkreter Erfolg ist, dass es seit Jahresbeginn für Geschäftsreisende in die Ukraine Krankenversicherungen gibt, die passive Kriegsrisiken inkludieren.
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Zum Abschluss noch eine letzte Frage: Was sollten österreichische Unternehmen in der Ukraine unbedingt beherzigen?
Bachmann: Österreichische Unternehmen sollten davon ausgehen, dass die Ukraine in absehbarer Zukunft Mitglied der EU wird. Die Menschen hier haben sich gedanklich in den letzten Jahren um 180 Grad - im wahrsten Sinne des Wortes - umorientiert. Die Ukraine ist ein reiches Land. Wer es selbst im vierten Kriegsjahr schafft Rekordenten einzufahren, der hat Respekt verdient. Wenn man vom Grenzübergang Sopron Richtung Osten fährt, merkt man, wie rasch man in der Ukraine sind. Nach Innsbruck fährt man länger. Das alles bietet für Österreich eine neue Chance um durch die Ukraine einen "Ostboom II" zu erleben.
Herzlichen Dank für das Gespräch!
Das Wichtigste in Kürze:
- Trotz Krieg stiegen Österreichs Exporte in die Ukraine 2025 um 16,7 % auf rund 770 Mio. Euro.
- In der Ukraine sind weiterhin annähernd 1.000 österreichische Unternehmen aktiv, etwa 200 davon mit Niederlassung vor Ort.
- Der Wiederaufbau läuft bereits seit vier Jahren; internationale Mittel fließen schon jetzt, etwa über die EBRD.
- Größte Hürden für Betriebe sind Stromausfälle durch die beschädigte Energieinfrastruktur und ein spürbarer Arbeitskräftemangel.
- Besonders gefragt ist österreichisches Know-how in Bahn- und Verkehrsinfrastruktur, Wasserkraft (Kleinkraftwerke) sowie Maschinenbau/Agrartechnik.
- Der Ukraine Servicepoint unterstützt bei Projekten, Ausschreibungen und Förderfragen.
