Warum die Rekord­lohn­quote kein Grund zur Freude ist

Es ist Zeit für mehr Augenmaß bei Lohn-Abschlüssen, fordert Rolf Gleißner. 


Wer diesen Beitrag lesen sollte:

  • Weiterdenker:innen
  • Wirtschaftseinsteiger:innen

Lesedauer:

3 Minuten

KolumnistIn: Rolf Gleißner

Sorgenvolles Unternehmer-Paar i
NINENII | stock.adobe.com

Die Lohnquote, der Arbeitnehmeranteil am Wohlstand, ist zuletzt explodiert. Auf den ersten Blick erfreulich, auf den zweiten nicht. Denn dieses Ungleichgewicht trifft nicht nur Selbständige und Unternehmen hart, sondern lähmt die ganze Wirtschaft.

Die Wirtschaft schrumpft (real) heuer zum dritten Mal in Folge. Dennoch sind die Arbeitnehmereinkommen 2024 um 8,5%, die Sozialleistungen – darunter Pensionen – sogar um 10,6% gestiegen. Da auch die Beschäftigung stabil ist, ist die Rezession laut WIFO-Chef Gabriel Felbermayr bei den Haushalten noch gar nicht angekommen. Sehr wohl aber bei den Selbständigen und Unternehmen, deren Einkommen bzw. Gewinne laut Statistik Austria um 7,6% fielen. Die Folge: Die Lohnquote, also der Anteil der Arbeitnehmerentgelte am Volkseinkommen, ist förmlich explodiert und hat mit 69,7% den höchsten Wert seit Kreisky-Zeiten erreicht.

Rekordsteigerung in den vergangenen Jahren

Hintergrund ist die Lohn- und Sozialpolitik: Nur in Österreich werden die Löhne flächendeckend erhöht und traditionell zumindest um die Inflation angepasst. Die Folge: In keinem westeuropäischen Land sind die Löhne in den letzten beiden Jahren so stark gestiegen wie in Österreich. Dasselbe gilt für Pensionen, die in Österreich nicht nur höher sind und länger bezogen werden als international üblich, sondern ebenso immer wertgesichert sind.

GRAFIK: Entwicklung der Lohnquote in Österreich 1995 bis 2025

Anmerkung: Definition Arbeitnehmerentgelte in Relation zum BIP zu Faktorkosten, bereinigt um den Anteil der unselbständig Beschäftigten an den Erwerbstätigen (Personen laut VGR).

Kaufkraftstärkung kommt in der Wirtschaft nicht an

Auf den ersten Blick ist das für die meisten Menschen erfreulich – immerhin wurde von Seiten der Gewerkschaft jahrelang die fallende Lohnquote beklagt. Auf den zweiten Blick kommt aber keine Freude auf: Denn das Patentrezept seitens der Gewerkschaft, die Kaufkraftstärkung, wirkt nicht. Die Menschen geben ihr Geld nicht aus, sondern sparen angesichts der Unsicherheit in den Betrieben und der Wirtschaft. Außerdem fließt in einer kleinen, offenen Volkswirtschaft immer ein großer Teil der Konsumausgaben ins Ausland ab. 

Kosten steigen, Aufträge bleiben aus

Die Flaute der letzten beiden Jahre traf bisher nicht die breite Masse der Haushalte, aber umso mehr die Unternehmen und den Staat in Form des Budgetdefizits und die Selbständigen und Unternehmen, die in einer Doppelmühle sind: Arbeits- und Energiekosten galoppieren davon, während Aufträge wegbrechen, weil die Nachfrage fehlt oder man preislich nicht mehr mithalten kann. Dies trifft eine exportorientierte Volkswirtschaft wie Österreich, die im internationalen Wettbewerb steht, besonders hart. Umso unrichtiger erscheint das Gerede um die "Gierflation" von Unternehmen.

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Rasch steigende Lohnquote als Krisenzeichen 

Natürlich beeinflussen viele Faktoren die Lohnquote – Arbeitslosigkeit und Beschäftigung, Entwicklung von Kapitalmarkt und Exporten und vieles mehr. Letztlich ist eine rasch steigende Lohnquote eher ein Krisenzeichen: In guten Zeiten steigen Unternehmensgewinne tendenziell stärker als Löhne, in schlechten Zeiten schmelzen Gewinne eher dahin oder werden zu Verlusten, so geschehen nach der Finanzkrise 2008/09 und ganz besonders seit 2023. Die Profitabilität der österreichischen Unternehmen liegt nun deutlich unter dem EU-Schnitt. Dies schadet nicht nur dem Standort, sondern schmälert auch den Spielraum für Investitionen, der Basis für zukünftiges Wachstum.

Fazit: Es ist kein Zufall, dass die Chefs von WIFO und IHS – Gabriel Felbermayr und Holger Bonin – Lohnabschlüsse unter der Inflation empfehlen. Das würde übrigens die Benya-Formel – Inflation plus Produktivität – hergeben, weil in den letzten Jahren die Produktivität rückläufig war.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Rekord-Lohnquote bei 69,7 %: Arbeitnehmer:innen erhalten aktuell einen historisch hohen Anteil am Volkseinkommen – zulasten von Unternehmen und Selbständigen.
  • Löhne und Sozialleistungen steigen trotz Rezession: Während die Wirtschaft schrumpft, steigen Einkommen und Pensionen kräftig – was zu einem Ungleichgewicht führt.
  • Kaufkraftstärkung funktioniert nicht wie erhofft: Trotz höherer Einkommen bleibt der Konsum zurückhaltend, Ersparnisse steigen – auch wegen wirtschaftlicher Unsicherheiten.
  • Unternehmen unter Druck: Hohe Kosten, weniger Aufträge und sinkende Gewinne setzen insbesondere exportorientierte Betriebe stark unter Druck.
  • Appell zur Lohnzurückhaltung: WIFO und IHS empfehlen Lohnabschlüsse unterhalb der Inflation – auch weil die Produktivität zuletzt rückläufig war.