Von der Anreise bis zum Ausflug: Gute Mobilität wird zum Teil des Urlaubserlebnisses – und damit zu einem wichtigen Wettbewerbsfaktor für Destinationen und Betriebe. Ein Interview mit Mobilitätsberaterin Claudia Falkinger.
Das Wichtigste in Kürze:
- Mobilität beeinflusst die Reiseentscheidung: Ein passendes nachhaltiges Angebot kann mitentscheiden, ob Gäste eine Destination überhaupt buchen.
- Die gesamte Reisekette zählt: Von Information und Buchung über Anreise und Gepäcktransport bis zur Mobilität vor Ort sollte alles möglichst einfach zusammenspielen.
- Fünf Trends prägen die Zukunft: Integrierte Mobilität, lebenswerte Regionen, Gesundheit und Klimaanpassung, inklusives Design sowie Sicherheit werden für Tourismusbetriebe wichtiger.
- Österreich hat gute Voraussetzungen: Tourismus- und Mobilitätskompetenz sind vorhanden, müssen aber stärker verbunden und als gemeinsames touristisches Produkt gedacht werden.
- Betriebe können sofort starten: Wer die eigene Anreise und Mobilität aus Gästesicht testet und eine konkrete Hürde beseitigt, kann das Urlaubserlebnis bereits mit kleinen Maßnahmen verbessern.
Mobilität entscheidet immer stärker mit, wie attraktiv eine Destination für Gäste ist. Gefragt sind einfache, nachhaltige und gut vernetzte Angebote – von der Anreise über die letzte Meile bis zum Ausflug. Für Tourismusbetriebe liegt darin die Chance, das Reiseerlebnis spürbar zu verbessern und neue Services zu schaffen. Was es dabei zu beachten gilt, erklärt Mobilitätsexpertin Claudia Falkinger im MARI€-Interview.
Warum Mobilität im Tourismus zum Wettbewerbsfaktor wird
Frau Falkinger, Sie beraten Unternehmen, Städte und Regionen bei neuen Mobilitätsangeboten. Beim WKO Tourismus Summit sprechen Sie über fünf Trends, die Gäste, Betriebe und Destinationen bewegen. Ist Mobilität im Tourismus noch immer ein unterschätzter Wettbewerbsfaktor?
Claudia Falkinger: Ja, und genau darin liegt eine große Chance. Für unseren europaweiten Better Mobility Trendreport haben wir mehr als 300 Mobilitätsinnovationen analysiert und über 100 Expert:innen befragt. Das Ergebnis ist durchaus überraschend: Nur rund fünf Prozent der Mobilitätsangebote fokussieren sich aktuell auf den Tourismus.
Wenn man bedenkt, dass keine Reise ohne Mobilität stattfindet, ist das eigentlich eine erstaunlich geringe Zahl. Mobilität ermöglicht Anreise, Aufenthalt und Ausflüge und prägt damit das gesamte Reiseerlebnis. Ich sehe deshalb nicht nur einen Nachholbedarf, sondern vor allem ein enormes Potenzial für neue Lösungen, erhöhte Reisequalität sowie neue Geschäftsmodelle an der Schnittstelle von Mobilität und Tourismus.
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Wie nachhaltige Mobilität die Reiseentscheidung beeinflusst
Viele Destinationen werben mit nachhaltigem Urlaub. Wie wichtig ist eine gute Mobilität vor Ort, damit dieses Versprechen auch tatsächlich eingelöst werden kann?
Falkinger: Wir sehen, dass Mobilität zunehmend Teil der Reiseentscheidung wird. Nehmen wir Tirol als Beispiel: Das Land heißt jährlich rund 12,8 Millionen Gäste willkommen. Aktuell reisen jedoch rund 90% der internationalen Gäste mit dem Auto nach Tirol an.
Ein Blick auf den Kernmarkt Deutschland zeigt: Für 1 von 3 Personen sind nachhaltige Mobilitätsangebote buchungsentscheidend und jede vierte Person würde sogar auf eine Buchung verzichten, wenn ein entsprechendes Angebot fehlt. Gleichzeitig können sich 84% grundsätzlich eine umweltfreundliche Anreise vorstellen. Die Nachfrage nach nachhaltigen Alternativen ist also vorhanden. Jetzt geht es darum, entsprechende Angebote entlang der gesamten Reisekette verfügbar und attraktiv zu machen.
Genau hier setzen wir bei POINT& mit der europaweiten Initiative "Mobility & Tourism Innovations" gemeinsam mit dem Land Tirol, der Tirol Werbung, dem Verkehrsverbund Tirol und vionmo an. Wir holen dabei smarte Lösungen aus ganz Europa nach Tirol. Im Fokus stehen intelligente Angebote für die Mobilität vor Ort, Lösungen für den Gepäcktransport bis zu einfachen digitalen Buchungsmöglichkeiten.
Das Interesse und die Resonanz sind groß: Über 80 Unternehmen aus 19 Ländern haben sich beworben, von Startups bis zu etablierten Unternehmen. Das zeigt, wie groß der Bedarf, aber auch das Potenzial ist, innovative Mobilitätslösungen für den Tourismus in Österreich voranzubringen.
iIch kann mir vorstellen, dass Mobilität in zehn Jahren genauso selbstverständlich Teil des Urlaubspakets ist wie Frühstück oder WLAN
Wo Mobilität das Urlaubserlebnis konkret prägt
An welchen Punkten während eines Urlaubs entscheidet Mobilität konkret darüber, ob Gäste zufrieden sind?
Falkinger: Mobilität ist ein zentrales Element jeder Reise und beginnt schon lange vor der eigentlichen Anreise. Bereits bei der Planung stellt sich die Frage: Wie komme ich zur Destination und wie kann ich mich vor Ort bewegen?
Mobilität ist Teil der gesamten Reisekette: von der Information und Buchung über die Anreise und den Gepäcktransport bis hin zur Mobilität vor Ort und bei Ausflügen. An jedem dieser Punkte kann sie den Aufenthalt einfacher und angenehmer machen oder zur Hürde werden.
Am Ende sollte sich ein Gast nicht ständig fragen müssen, wie er von A nach B und C kommt. Gute touristische Mobilität funktioniert dann, wenn sie einfach, barrierefrei und nahtlos Teil des Reiseerlebnisses wird.
Welche Chancen Österreich bei touristischer Mobilität hat
Ist Österreich bei touristischer Mobilität Vorreiter, guter Durchschnitt oder bereits im Hintertreffen? Und wo sollte Österreich genauer hinschauen?
Falkinger: Österreich hat mit seiner starken Tourismus- und Mobilitätskompetenz eine hervorragende Ausgangslage. Wir müssen diese beiden Stärken aber noch viel stärker zusammendenken. Mobilität wird im Tourismus oft noch als Infrastrukturthema gesehen und weniger als Teil des touristischen Produkts. Dabei beginnt das Urlaubserlebnis bereits mit der Anreise und setzt sich vor Ort fort.
Österreich hat das Potenzial, europaweit eine Vorreiterrolle einzunehmen und touristische Mobilität neu zu denken und zu gestalten. Es geht um eine Mobilität, die Qualität, Nachhaltigkeit und Service auf moderne Weise verbindet und dabei sowohl unseren Gästen als auch der lokalen Bevölkerung zugutekommt.
Fünf Mobilitätstrends, die Tourismusbetriebe kennen sollten
Sie sprechen von fünf Mobilitätstrends. Welche Entwicklungen müssen Tourismusbetriebe jetzt auf dem Radar haben?
Falkinger: Unser europaweiter Better Mobility Trendreport, zeigt fünf Handlungsfelder, die Tourismusbetriebe besonders im Blick haben sollten.
- Erstens: integrierte Mobilität. Die gesamte Reisekette muss zusammenspielen, von der Anreise über die letzte Meile bis zur Mobilität vor Ort. Dabei geht es auch darum, verschiedene Angebote wie Zug, On-Demand und Fahrrad besser zu verbinden.
- Zweitens: lebenswerte Städte und Regionen. Mobilität sollte nicht nur Gäste bewegen, sondern gleichzeitig die Aufenthaltsqualität verbessern und den Alltag der lokalen Bevölkerung in Stadt und Land funktionieren.
- Drittens: Gesundheit und Klimaanpassung. Aktive Mobilität wie Gehen und Radfahren kann einen positiven Beitrag zur Gesundheit leisten Gleichzeitig verändern Hitze und Extremwetter die Anforderungen an Mobilität im Urlaub.
- Das vierte Feld: inklusives Design. Demografische Veränderungen wie eine alternde Gesellschaft bringen neue Anforderungen an Mobilitätsangebote. Gleichzeitig eröffnen technologische Entwicklungen neue Möglichkeiten, Mobilität einfacher und zugänglicher zu gestalten.
- Und zu guter letzt: Sicherheit. Gäste wollen sich sicher und wohl fühlen. Dazu gehören nicht nur Planbarkeit, Verlässlichkeit und ein gutes persönliches Sicherheitsempfinden.
Was alle fünf Trends verbindet: Mobilität wird stärker Teil des gesamten Reiseerlebnisses. Für Tourismusbetriebe bedeutet das, die gesamte Reisekette aus Sicht des Gastes zu denken.
Wie Mobilität künftig Teil den Urlaubspakets werden kann
Was wäre ein mutiger Schritt, der heute noch Widerstand auslöst, in zehn Jahren aber selbstverständlich sein könnte?
Falkinger: Ich kann mir vorstellen, dass Mobilität in zehn Jahren genauso selbstverständlich Teil des Urlaubspakets ist wie Frühstück oder WLAN. Die Anreise, der Transfer zum Hotel, die Mobilität vor Ort oder die Fahrt zum Ausflugsziel werden gemeinsam gedacht und einfach buchbar gemacht. Heute gibt es dafür noch viele getrennte Angebote und Zuständigkeiten.
Ein weiterer mutiger Schritt wäre, die touristische Mobilität nicht mehr getrennt von der Mobilität der lokalen Bevölkerung zu planen. Ein gutes und leistbares Mobilitätsangebot sollte Gästen helfen und gleichzeitig den Alltag der Menschen vor Ort verbessern. Was heute häufig noch als Zielkonflikt gesehen wird, könnte in zehn Jahren ein gemeinsames Qualitätskriterium für eine erfolgreiche Destination sein.
Was Tourismusbetriebe jetzt konkret verbessern können
Und was kann ein einzelner Tourismusbetrieb bereits in den nächsten vier Wochen tun?
Falkinger: Als ersten Schritt würde ich die eigene Reisekette selbst testen. Einmal ganz aus Sicht eines Gastes: Wie und wo finde ich Informationen zur nachhaltigen Anreise? Wie komme ich vom Bahnhof oder Flughafen zum Hotel? Was passiert mit meinem Gepäck? Und wie komme ich zu den wichtigsten Ausflugszielen?
Dann sollte man sich eine konkrete Hürde herausgreifen und nach einer passenden Lösung suchen. Vielleicht fehlt eine wichtige Information auf der Website. Vielleicht gibt es bereits gute Lösungen für die letzte Meile oder den Gepäcktransport, die bisher noch nicht kommuniziert werden. Oder es gibt Möglichkeiten, bestehende Angebote und Synergien besser zu nutzen.
Man muss nicht alles auf einmal verändern und auch nicht das Rad neu erfinden. Wichtig ist, anzufangen und Schritt für Schritt besser zu werden. Schon eine kleine Verbesserung kann für Gäste einen großen Unterschied machen.
Herzlichen Dank für das Gespräch!



