Was Tourismus für Regionen wirklich wert ist

Tourismus wirkt weit über Hotels hinaus – und stärkt regionale Wirtschaftskreisläufe.


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Lesedauer:

6 Minuten

AutorIn: Peter Draxler

Beraterin zeigt zwei Kund:innen Reiseangebote vor einer Weltkarte mit Flugrouten. i
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Tourismus schafft mehr als Nächtigungen und Umsatz: Regionale Lieferketten, Infrastruktur und lokale Kreisläufe entscheiden darüber, wie viel Wert vor Ort bleibt, analysiert Tourismusforscher Roman Egger.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Tourismus schafft direkte, indirekte und induzierte Wertschöpfung – vom Hotel über regionale Zulieferbetriebe bis zu Einkommen, die wieder vor Ort ausgegeben werden.
  • Je stärker Betriebe regional einkaufen und lokale Dienstleistungen nutzen, desto länger bleibt der touristische Euro in der Region und stärkt weitere Unternehmen.
  • Mehr Wertschöpfung muss nicht automatisch mehr Gäste bedeuten: Entscheidend sind mehr Wert pro Gast, stärkere regionale Kreisläufe und ein gemeinsamer Nutzen für Betriebe, Gäste und Bevölkerung.
  • Wer den tatsächlichen Wert des Tourismus messen will, sollte neben wirtschaftlichen Kennzahlen auch Akzeptanz, Lebensqualität, Infrastruktur und regionale Vernetzung berücksichtigen.
  • Betriebe können ihre eigene Wertschöpfungskette sichtbar machen und prüfen, welche Lebensmittel, Dienstleistungen, Investitionen und Arbeiten bereits aus der Region kommen oder künftig regional bezogen werden können.

Nächtigungen und Umsätze zeigen nur einen Teil dessen, was Tourismus für eine Region leistet. Denn vom touristischen Euro profitieren auch Landwirtschaft, Handwerk, Bauwirtschaft und Dienstleistungen. Gleichzeitig entstehen Infrastruktur, Freizeitangebote und Standortqualität. Entscheidend ist daher nicht nur, wie viele Gäste kommen, sondern wie stark der Tourismus mit der regionalen Wirtschaft verflochten ist, sagt Tourismusforscher Roman Egger im MARI€-Interview.


Was regionale Wertschöpfung im Tourismus bedeutet

Herr Egger, der Tourismus verweist oft auf Nächtigungen und Umsätze. Was übersehen wir, wenn wir seinen Wert nur daran messen? Welche Formen von Wert schafft Tourismus für eine Region, die in den üblichen Statistiken kaum sichtbar werden?

Roman Egger: Wir sehen dann eigentlich nur die Spitze des Eisbergs. Die Nächtigungen finden im Hotel statt, aber die Wertschöpfung verteilt sich über das große Ökosystem Tourismus.

Wir haben einerseits die direkte Wertschöpfung, beispielsweise im Hotel, in Gastronomie oder bei den Seilbahnen. Dann die indirekte Wertschöpfung, die bei allen entsteht, die diese Betriebe unterstützen und beliefern. Also vom Bäcker über die Landwirtschaft bis zur Wäscherei und der Bauwirtschaft. Und schließlich die induzierte Wertschöpfung, wenn die dadurch erzielten Einkommen wieder in der Region ausgegeben werden.

Darüber hinaus schafft Tourismus Werte, die in klassischen Statistiken noch schwer sichtbar gemacht werden wie Infrastruktur, Freizeit- und Kulturangeboten, Standortattraktivität. 

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Regionale Lieferketten: So bleibt mehr Wertschöpfung vor Ort

Wie verändern regionale Lieferketten, heimische Lebensmittel und lokale Dienstleistungen die wirtschaftliche Wirkung des Tourismus?

Egger: Entscheidend ist nicht nur, wie viel ein Gast ausgibt, sondern wo dieses Geld danach weiterwirkt. Wenn ein Hotel Lebensmittel aus der Region kauft, einen lokalen Tischler beschäftigt, eine regionale Wäscherei nutzt oder mit heimischen Produzenten zusammenarbeitet, beginnt der touristische Euro innerhalb der Region zu zirkulieren. Aus einem Umsatz im Hotel entstehen Umsätze bei vielen weiteren Unternehmen.

Wenn dieselben Leistungen von außerhalb eingekauft werden, verlässt ein Teil dieser Wertschöpfung die Region sehr schnell.

Deshalb würde ich nicht nur fragen: 'Wie viele Gäste haben wir?', sondern auch: 'Wie tief ist der Tourismus mit der regionalen Wirtschaft verflochten?'

Mehr Wert pro Gast statt immer mehr Gäste

Wie lässt sich wirtschaftliche Wertschöpfung steigern, ohne dabei die Akzeptanz des Tourismus in der Bevölkerung oder die Lebensqualität vor Ort zu beeinträchtigen?

Egger: Indem wir aufhören, Wertschöpfung automatisch mit Wachstum gleichzusetzen. Das Ziel muss nicht lauten: mehr Gäste, mehr Betten, mehr Frequenz. Es kann auch lauten: mehr Wert pro Gast, mehr regionale Kreisläufe und mehr gemeinsamer Nutzen. Der entscheidende Punkt ist deshalb, dass der Tourismus gleichermaßen Wert für Gäste, Unternehmen und Bevölkerung schaffen muss.



Roman Eggeri
Foto Flausen

Die größte Lücke besteht für mich darin, dass wir Tourismus öffentlich immer noch sehr stark über seine sichtbaren Akteure wahrnehmen: Hotels, Gastronomie, Seilbahnen und Gäste. Die wirtschaftlichen Verbindungen dahinter bleiben dagegen weitgehend unsichtbar.

Roman Egger, Wissenschaftler und Unternehmer

Wie Gemeinden den Wert des Tourismus messen können

Welche Kennzahlen würden Sie einer Gemeinde oder Destination empfehlen, die den tatsächlichen Wert des Tourismus messen will?

Egger: Es benötigt mehr als die Messung der Nächtigungen. Man könnte das anhand unterschiedlicher Dimensionen festmachen: Ökonomisch – also die regionale Wertschöpfung, Wertschöpfung pro Gast, kommunale Einnahmen etc.

Dann gesellschaftlich, also Fragen der Tourismusakzeptanz, wahrgenommene Belastungen und wahrgenommener Nutzen. Die Ebene der Lebensqualität, diese zeigt sich anhand von Infrastruktur und Angeboten, die durch den Tourismus entstanden sind und von der Bevölkerung genutzt werden. Und zuletzt die Dimension der Vernetzung, also beispielsweise der Anteil regionaler Beschaffung, Verflechtungen mit Landwirtschaft, Handwerk und Dienstleistungen.

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Was Tourismusbetriebe für regionale Wertschöpfung tun können

Was kann ein einzelner Hotel-, Gastronomie- oder Freizeitbetrieb tun, um mehr Wertschöpfung in der eigenen Region zu halten?

Indem man die eigene Wertschöpfungskette transparent macht. Also woher kommen meine Lebensmittel, wer wartet meine Anlagen, wo werden die Möbel gekauft und vieles mehr. So wird sichtbar welche Leistungen regional erbracht werden. 

Welchen Nutzen Tourismus für Bevölkerung und Standort schafft

Wo besteht im österreichischen Tourismus die größte Lücke zwischen dem Wert, den die Branche schafft, und der öffentlichen Wahrnehmung dieses Werts?

Egger: Die größte Lücke besteht für mich darin, dass wir Tourismus öffentlich immer noch sehr stark über seine sichtbaren Akteure wahrnehmen: Hotels, Gastronomie, Seilbahnen und Gäste. Die wirtschaftlichen Verbindungen dahinter bleiben dagegen weitgehend unsichtbar.

Wenn ein Hotel investiert, profitieren Bauunternehmen, Installateure, Elektriker, Tischler, Banken und Planer. Wenn Gäste konsumieren, profitieren Lebensmittelproduzenten, Handel, Mobilitätsanbieter und zahlreiche Dienstleister. Einkommen werden wieder in der Region ausgegeben. Gemeinden erhalten Einnahmen. Infrastruktur wird mitfinanziert.

Dadurch entsteht ein Missverständnis, denn man sieht den Gast, den Verkehr oder das Hotel, aber nicht das gesamte Netzwerk dahinter.


Herzlichen Dank für das Gespräch!